Von Rolf Zundel

Erich Mende war ausgezogen, den Reformern das Fürchten zu lehren. Für freundliche Jovialität und Demonstrationen der Geschlossenheit, die sonst das Bild der Parteitage zu bestimmen pflegten, war diesmal kein Platz. Nur das äußere Bild erinnerte an die üblichen Veranstaltungen gleichen Namens: Mit Arrangements aus roten und weißen Nelken war die Rednertribüne geschmückt, auf der Tribüne saßen die Vorstandsmitglieder der Partei und über ihnen prangte in riesigen Lettern der Wahlspruch des Parteitags: Sieger des Fortschritts – FDP.

Wer gehofft hatte, Mende werde sich – wie früher manchmal – an die Spitze der Reformer setzen und den Fortschritt für sich usurpieren, wurde enttäuscht. Sein oft gerühmtes Geschick, die verschiedenen Gruppen zusammenzuführen, war diesmal nicht zu erkennen. Schon die Parteitagseröffnung benutzte er, um den Reformern die Kriegserklärung entgegenzuschleudern.

"Mende hätte es in der Hand gehabt, den Parteitag geschlossen hinter sich zu bringen", meinte einer der Delegierten. In einer merkwürdigen Verkennung der Situation suchte er nicht das Gespräch, sondern ein Unterwerfungsverfahren. Am Vorabend seiner Rede hatte es noch den Anschein gehabt, als habe der Bundesvorstand eine Einigungsformel in der Deutschlandpolitik gefunden. Ein Redaktionskomitee hatte die Thesen des Berliner Senatsdirektors Hartkopf entschärft, eine Plattform gemeinsamer Politik schien vorhanden. Und das war gar nicht so schwierig, da die Reformer, wie etwa Rubin, von Mendes bisherigen Thesen in der Sache gar nicht so weit entfernt waren.

Zur gleichen Zeit, da der Bundesvorstand tagte, hatten sich die Jungdemokraten und die liberalen Studenten in einem anderen Hotel versammelt. Die Atmosphäre – dicke Schwaden von Zigarrenrauch und Batterien von Bierflaschen auf den Tischen – ließ auf eine Verschwörung schließen, aber Rebellion wurde nicht gepredigt. Zwar gab es keinen unter den Jungen, der Erich Mende als Symbol für einen modernen Liberalismus betrachtete, und die Befürchtung war groß, die Parteiführung strebe eine restabilisierte Harmonie mit der CDU an, aber insgesamt herrschte doch die Einsicht: "Wir müssen davon ausgehen, was möglich ist, und Hauptsache bleibt, wir erreichen Fortschritte im Programm."

Erich Mende aber verpaßte seine Chance. Sein Eröffnungsreferat lag im Unterschied zu allen anderen Reden nicht gedruckt vor. Glaubt er, seinen Gegnern dadurch die Antwort erschweren zu können? Nervös, wie man ihn bisher selten erlebt hatte, wartete er auf seinen Auftritt. Er begann piano und berichtete, wie die Freien Demokraten aus der Koalition ausgeschieden waren und wie sich das Regierungsbündnis mit den Sozialdemokraten zerschlug. Es war ein rührendes Bild, das er entwarf. Die Freien Demokraten erschienen als die verfolgte Unschuld, mattgesetzt von den bösen Machiavellisten der SPD.

Bis hierher folgte ihm der Parteitag einigermaßen, dann aber, als Mende zu der innerparteilichen Auseinandersetzung kam, die durch die Veröffentlichung des Schollwer-Papiers und den Vorstoß von Rubin ausgelöst war, erhob sich seine Stimme zu donnerndem Fortissimo, er leistete rethorische Schwerarbeit. Fast hatte man den Eindruck, als wolle er, angestachelt durch seinen eigenen Schwung und den Beifall der Delegiertenmehrheit, den Reformern eine Vernichtungschlacht liefern.