Die österreichische Creditanstalt wurde durch die Hilfsaktion der Bank von England gerettet; aber unterdessen hatte der Run schon auf die deutschen Großbanken übergegriffen. Sie befanden sich ja in einer ähnlichen Lage wie die österreichische Creditanstalt. Das war ihren Gläubigern aus den Bilanzen bekannt. Und was bei einer so angesehenen und großen Bank wie der Creditanstalt geschehen war, das konnte jederzeit auch bei den deutschen Großbanken geschehen. Deshalb setzte nach dem 1. Mai mit dem Run auf die österreichischen Banken gleichzeitig auch der Ansturm auf die deutschen Banken ein. Im Mai wurden ihnen 280 Millionen RM ausländische kurzfristige Kredite gekündigt, und an der New Yorker Börse wurden deutsche Werte abgestoßen, selbst wenn sie auf Dollar lauteten und erstklassig gesichert waren. Unter den deutschen Großbanken erlitt die Danatbank die stärksten Kreditorenabzüge (97 Millionen RM); der Dresdner Bank wurden 79 Millionen, der Deutschen Bank 51 Millionen und der Commerz- und Privatbank 36 Millionen RM Auslandskredite gekündigt.

Das Mißtrauen der ausländischen Gläubiger gegenüber der künftigen Zahlungsfähigkeit der deutschen Banken erhielt nun durch zwei alarmierende Nachrichten weitere Nahrung. In den gleichen Tagen, da der Jahresabschluß der österreichischen Creditanstalt bekannt wurde, erfuhr man von Schwierigkeiten des großen Warenhauskonzerns Karstadt, und die Karstadt-Aktien erlebten einen schweren Kursverlust. Am 30. Mai mußte der Versicherungskonzern Nordstern einen Verlust von 28 Millionen RM bekanntgeben. Darauf nahmen die Kreditkündigungen zu. Die Reichsbank mußte in den ersten sechs Tagen des Juni Devisen im Werte von 164 Millionen RM abgeben, damit die Banken die gekündigten Auslandskredite in Devisen zurückzahlen konnten.

Die Nervosität der ausländischen Gläubiger und infolgedessen das Tempo der Kreditabziehungen aus Deutschland wurden am Ende der ersten Juniwoche durch einen gutgemeinten, aber denkbar ungeschickten Aufruf der Reichsregierung weiter gesteigert. Mit diesem Aufruf begleitete die Reichsregierung die Verkündung einer neuen Notverordnung, der „Zweiten Verordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen“, die am 5. Juni 1931 im Reichsgesetzblatt veröffentlicht wurde. In dieser Notverordnung wurden die Gehälter der Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst, die erst am 1. Februar 1931 um 6 Prozent gekürzt worden waren, abermals um 4 bis 8 Prozent (je nach Orts- und Gehaltsklasse) gekürzt; die Arbeitslosenunterstützungen wurden herabgesetzt; eine neue Steuer, die Krisensteuer, wurde eingeführt. Aus innenpolitischen Gründen, um den Druck der Rechtsopposition von Nationalsozialisten und Deutschnationalen abzufangen, glaubte Brüning, die Regierung müsse gleichzeitig mit der Verkündung dieser Notverordnung, die dem deutschen Volk neue Opfer auferlegte, Schritte zur Milderung einer anderen politischen und wirtschaftlichen Last, nämlich der Reparationen, ankündigen.

Das war rein innenpolitisch gedacht. Aber jede Revision des Youngplans betraf Deutschlands Verhältnis zu den Reparationsgläubigern, war also eine außenpolitische Frage. Wie würde das Ausland auf eine solche Ankündigung reagieren? Der Staatssekretär im Reichsfinanzministerium, Dr. Hans Schäffer, und der Reichsbankpräsident Luther sprachen sich energisch dagegen aus, zu diesem Zeitpunkt einen deutschen Schritt zur Revision des Reparationsabkommens anzukündigen: Das würde zu massiven Abzügen ausländischer Kredite führen, und deren verhängnisvolle Folgen stünden in keinem Verhältnis zu den vielleicht entstehenden Reparationsersparnissen und der möglichen innenpolitischen Entlastung.

Mangelndes Fingerspitzengefühl

Am 30. Mai wurde die Frage in einer Ministerbesprechung, an der auch der Reichsbankpräsident teilnahm, noch einmal erörtert. Brüning hielt eine Begleiterklärung zur Notverordnung für innenpolitisch absolut erforderlich und bemerkte, dieser Aufruf sei ja „nur für das Inland bestimmt“. Die Naivität dieser Bemerkung ist erschreckend. Luther hielt Brüning sofort entgegen, „daß die öffentliche Meinung des Auslandes gerade uns Deutschen die Möglichkeit rein innenpolitischer Erklärungen nicht konzediere“. Erst nachdem Brüning wiederholt versichert hatte, daß die Formulierung „sehr vorsichtig“ sein werde, nahm Luther von dem Mehrheitsbeschluß des Kabinetts ohne weiteren Widerspruch Kenntnis. Am 6. Juni wurde die Begleiterklärung als „Aufruf der Reichsregierung“ veröffentlicht. Entgegen der Zusage Brünings an Luther war der Hinweis auf die Reparationen nicht vorsichtig, sondern sehr deutlich und energisch formuliert:

„Die Grenze dessen, was wir unserem Volke an Entbehrungen aufzuerlegen vermögen, ist erreicht! Die Voraussetzungen, unter denen der Youngplan zustande gekommen ist, haben sich als irrig erwiesen. Die Erleichterungen, die der neue Plan nach Ansicht aller Beteiligten dem deutschen Volke bringen sollte und fürs erste auch zu bringen versprach, hat er nicht gebracht. Die Regierung ist sich bewußt, daß die aufs äußerste bedrohte wirtschaftliche und finanzielle Lage des Reiches gebieterisch zur Entlastung Deutschlands von untragbaren Reparationszahlungen zwingt.“