Von Marianne Kesting

In Hellmuth Karaseks Auseinandersetzung mit dem Living Theatre (erschienen in der ZEIT vom 24. Februar 1967) und meiner parallelen Kritik einer Aufführung dieser Truppe kamen voneinander abweichende Auffassungen zum Ausdruck, die nicht im Bereich des rein gefühlsmäßigen Für und Wider steckenbleiben sollten. Zweifellos provoziert das Living Theatre Emotionen, aber gerade sie bedürfen dringend einer Durchleuchtung.

Auch Hellmuth Karasek sind Einwände gegen diese Art von Theater gekommen. Er bringt sie nahezu alle vor, aber in der Form eines schonenden Konjunktivs: „Man könnte einwenden, daß...“ Er begründet nicht recht, was ihn bewegt, dennoch für die Truppe zu plädieren. Ich lese, daß er die „offensichtliche Beunruhigung und Verstörung des Publikums“ positiv wertet, das enragierte Außenseitertum der Truppe, ihren restlosen körperlichen Einsatz bewundert, in ihren Übungen Kraft empfindet. Aber er bezweifelt, daß dies alles künstlerischen Zwecken diene oder hier politische Aufklärung geleistet werde.

Also fragt sich, was mit der „Verstörung des Publikums“ bewirkt wird. Sie kann schließlich kein Selbstzweck sein. Hat das Living Theatre eine neue Theaterkonzeption, verwirklicht sie etwa, wie Hellmuth Karasek meint, das „Theater der Grausamkeit“ Antonin Artauds?

Artaud ist in Deutschland eine legendäre Figur. Er wird gern erwähnt, aber nahezu niemand hat ihn gelesen. Über sein Theater kursieren entsprechend verworrene Vorstellungen und Gerüchte. So wird mit seinem Terminus vom „Theater der Grausamkeit“ manch schlimmer Zauber getrieben. Da das Living Theatre im Namen Artauds auf der Bühne mit Vorliebe Folter- und Gaskammerstücke inszeniert, entsteht der Eindruck, Artaud habe sein Publikum mit blutrünstigen Szenen konfrontieren wollen. Das eben ist nicht der Fall. In den „Lettres sur la cruauté“ hat Artaud folgende Erklärung gegeben: „Es handelt sich nicht um die Grausamkeit des Sadismus noch um Blutrünstigkeit... Ich kultiviere nicht systematisch den Schrecken. Das Wort Grausamkeit muß in einem erweiterten Sinn verstanden werden, nicht in dem materiellen, räuberischen, der sich gewöhnlich anbietet. Ich beanspruche das Recht, mit der üblichen Sprachbedeutung zu brechen, um endlich zu den etymologischen Ursprüngen der Sprache zurückzukehren, die jenseits ihrer abstrakten Konzeption immer eine konkrete Bedeutung haben.

Man kann sich gut eine Grausamkeit ohne irdische Bindung vorstellen. Und übrigens, philosophisch gesprochen, was ist Grausamkeit? Vom geistigen Standpunkt aus bedeutet Grausamkeit Unerbittlichkeit, erbarmungslose Konsequenz, unumkehrbare absolute Bestimmtheit.

Der philosophische Determinismus ist, vom Standpunkt unserer Existenz aus, eines der Bilder der Grausamkeit.