R. S., Bonn, im April

Nicht nur in der FDP-Führung, auch unter den Abgeordneten der Bundestagsfraktion herrscht die Meinung vor, daß die fragwürdigen Einigungsformeln von Hannover die Fortsetzung der internen Richtungskämpfe nicht lange aufhalten werden. Einen Vorgeschmack davon bekam man bereits unmittelbar nach dem Parteitag, als Thomas Dehler die Ablösung Mendes im Parteivorsitz befürwortete. Der bayerische Landesverband, dem Dehler angehört, distanzierte sich sofort ostentativ von dieser Forderung. Auch der stellvertretende Vorsitzende Mischnick, der neben Scheel als möglicher Nachfolger Mendes genannt wird, nahm öffentlich gegen die Kritik an Mende Stellung. Er bezeichnete sie als teilweise unbegründet, teilweise stark übertrieben. Sogar der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP im Bundestag, Genscher, stellte sich in einem Rundfunkinterview vor den Bundesvorsitzenden. Dies alles trug sich obendrein vor zwei Landtagswahlen – in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz zu, bei denen die Partei von vornherein mit Stimmenverlusten zu rechnen hat.

Obendrein hat sich der Graben zwischen der Union und der FDP nach dem Parteitag von Hannover weiter vertieft. Gemeinsame Deutschland-Gespräche der im Bundestag vertretenen Parteien kommen bis auf weiteres kaum in Frage. Eine Anregung Kiesingers, an der von der SPD vorgeschlagenen Briefaktion zum SED-Parteitag auch die Freien Demokraten zu beteiligen, stieß bei der CDU/CSU auf schroffe Ablehnung. Barzel wiederholte vor der Fraktion die Stellungnahme des CDU-Präsidiums, die FDP habe in Hannover „für jedermann sichtbar gemacht, daß sie bundespolitisch. koalitionsunfähig ist“. Zwar hatte die SPD mit Mischnick Kontakt aufgenommen, in der Absicht, die FDP an der Aktion zu beteiligen. Aber auch die Sozialdemokraten setzten sich nicht mehr dafür ein, als sie auf den Widerspruch der CDU stießen.