Hannover

Auf dem steinernen Brückengeländer steht ein junger Mann mit einem Blechkanister. Mit wichtiger Miene gießt er bräunlich-schmutziges Wasser in den Fluß, und vierhundert Hannoveraner jeglichen Alters klatschen Beifall. Der Fluß heißt „die Leine“, der junge Mann Reinhard Schamuhn, und das Wasser, das er in die Leine schüttet ist Seinewasser aus Paris. (Französische Behörden haben es in einem Begleitschreiben bestätigt.)

Während Reinhard Schamuhn diese Kulthandlung vollzieht hofft er, daß zur gleichen Stunde ein Lufthansasteward Leinewasser in die Seine schüttet. So war es abgemacht. Die Lufthansa hatte das Wasser kostenlos herübergeflogen, kostenlos hatte sie auch einen Kanister Leinewasser mitgenommen. „Irgendwo im Atlantik“, sagt Reinhard Schamuhn, „werden sich Leine- und Seinewasser vereinigen.“

Diese Szenen in Hannover und in Paris waren der Auftakt zum ersten Flohmarkt, wenige Schritte von der Leine entfernt. Wochenlang hatte der junge Mann Keller und Böden von Freunden durchstöbert, um den als stur verschrien Hannoveranern einen Hauch von Paris zu schenken. Und die nüchternen Hannoveraner ließen sich wie selbstverständlich von liebenswertem Schund anlocken.

Eine Notbremse der Bundesbahn wurde verkauft und eine Sitzbank der Straßenbahn, selbst ein alter Toilettendeckel fand seinen Abnehmer. Wagenräder gab es, japanische Sonnenschirme, kolorierte Stiche und vergammelte Reproduktionen. Die Flohmarktbesucher durften sogar die Preise selbst bestimmen. Der Erlös – einige hundert Mark – soll wohltätigen Zwecken dienen.

Zwei Wochen zuvor hatte Reinhard Schamuhn sich schon einmal mit naiver Beharrlichkeit darum bemüht, dem Leben seiner Stadt neue Akzente aufzusetzen. Zum Amüsement seiner Mitbürger ruinierte er das Klavier, auf dem er bis dahin seinen; drei Kindern vorgespielt hatte. Er warf es in den Maschsee, Hannovers künstlichen See fünf Minuten vom Zentrum entfernt, und wollte im Wasser darauf spielen. Was er sich als Happening vorgestellt hatte, wurde mit Gelächter quittiert.

Aber der junge Mann, dessen Gesicht entfernt an das Uwe Seelers erinnert, ließ sich nicht entmutigen. Sein nächster Plan: Er will die kleine Kneipe dem Flohmarkt gegenüber, der auf dem Stadtplan noch einige Zeit Holzmarkt heißen wird, auf pariserisch trimmen. Noch ein Plan: In den ältesten Kellergewölben der Stadt will er Ausstellungen veranstalten. („Kunstausstellungen und so was.“) Noch ein Plan: ein Happening in Hannovers Stadtforst, eine Harfen-Spielerin auf dem höchsten Baum.

Er hat noch viele Pläne. A. K.