Gert Buchheit: Der deutsche Geheimdienst. List Verlag, München; 495 Seiten, 29,80 DM

An abenteuerlichen Geschichten über den deutschen Geheimdienst herrscht kein Mangel. Einige haben einen gewissen Quellenwert, andere sind bloß haarsträubend. Geheimdienstliche Aktionen werden im allgemeinen nicht aktenkundig gemacht. In den Archiven ist wenig zu finden. Wer den vielen Geschichten also die Geschichte entgegenstellen will, muß, um ein klares, umfassendes Bild zu erhalten, eine Art Puzzle-Spiel betreiben. Gert Buchheit ist das gelungen.

Er ist Historiker mit zeitgeschichtlich-militärischen Ambitionen („Hitler der Feldherr“, „Ludwig Beck, ein preußischer General“) und hat als Offizier auch einige geheimdienstliche Erfahrungen gesammelt. Anders als Paul Leverkuehn und Oscar Reile, von denen die bislang wichtigsten der wenigen seriösen Bücher über Organisation und Tätigkeit der militärischen Abwehr geschrieben wurden, hat Gert Buchheit dem eigentlichen Geheimdienst aber nie angehört. Das bedeutet: er ist frei von möglichen Verdächtigungen, aus echter Kameradschaft oder falscher Kameraderie die Akzente anders als nach wissenschaftlichen Regeln zu setzen. Er hat genug Distanz zu den Dingen und vor allem zu den Personen; die Interviews, die er mangels Masse an schriftlichen Quellen hat führen müssen, konnten ihn nicht zu irgendeiner speziellen Parteinahme verleiten.

Etwas apologetisch freilich wirkt seine Arbeit, und auch der Stil der Darstellung büßt dann einiges von seiner wissenschaftlichen Exaktheit ein und droht zuweilen, ans Melodramatische zu grenzen. Der letzte, am heftigsten umstrittene Chef der militärischen Abwehr (und „Abwehr“ umschloß alle Arten von Spionage und Sabotage) war ganz gewiß eine tragische Gestalt; in dem aber, was man hier „Tragik“ nennt, hat doch ein hohes Maß an Schuld gesteckt, mag man auch sagen: an unverschuldeter Schuld, an Verstrickung.

Gert Buchheit, bemüht, den Admiral Canaris sehr menschlich zu sehen, hat die entscheidenden Fäden der Verstrickung entwirrt. In Zweifelsfällen aber hat er doch unwillkürlich stets für Canaris plädiert Als Gegenzug gegen allerlei Verteufelungen ist das nicht falsch. Aber nach der frühen, schon 1949 erschienenen Canaris-Biographie von Abshagen (und erst recht nach dem populären Canaris-Kinofilm) sind doch manche Schatten auf die Lichtgestalt gefallen. Irgendwie war er, wie so viele hohe Offiziere, eben doch ein Versager. Das darf man, bei aller Anteilnahme an seinem Schicksal, nicht vergessen.

Von diesem Einwand abgesehen, hat Gerd Buchheit das vollständigste und nicht nur deshalb beste Buch vorgelegt, das es heute über den deutschen militärischen Geheimdienst gibt. Nach etwa fünfzig Seiten Vorgeschichte von 1912 an, werden Aufbau, Arbeit und Zusammenbruch der Abwehr unter Canaris dargestellt. Beschreibung verzahnt sich mit Analyse. Unversehens wird dem Leser bewußt, daß der immense Fleiß des Autors nicht einer Arabeske der Zeitgeschichte gegolten hat. In Geschick und Mißgeschick der Abwehr spiegelt sich wichtigstes Geschehen. Gesichtspunkte und Tatsachen, die auch für die Historie auf hoher Ebene von Bedeutung sind, werden hier in einem scharfen Licht gezeigt. In einem Jahrhundert, in dem die Geheimdienste aller Art weiterhin mehr als nur eine Rolle spielen, vermittelt das Buch eine stattliche Reihe auch aktuell gültiger Einsichten.

Und so nüchtern Gert Buchheit die Abwehr auch sieht, auch dieses Buch über den deutschen Geheimdienst ist spannend, in mancher Hinsicht in seiner dokumentarhaften Art sogar spannender als die mehr oder minder ausgeschmückten Agenten-Storys, die man zur Genüge kennt. Das liegt einfach am Sujet. Die Abwehr, in ihrem Krieg im Dunkeln oft Erfolg gehabt, hat sich in einigen phantastisch anmutenden Unternehmungen bewährt, hat aber auch, etwa beim Einsatz in den Vereinigten Staaten, verheerende Niederlagen hinnehmen müssen. Auch so gesehen, ist die Geschichte der Abwehr ganz und gar deutsche Zeitgeschichte. Alexander Rost