Von Karl Erich Born

Was wurde nun in Deutschland angesichts der Entwicklung, die einer Finanzkatastrophe zutrieb, getan? Bis Ende Juni handelten die deutschen Banken nach der Devise, daß man einen Gläubigeransturm nur dadurch stoppen könne, daß man anstandslos zahle. Sie haben also die gekündigten Kredite zurückgezahlt. Die Devisen, die sie zur Rückzahlung der ausländischen Kredite brauchten, erhielten sie ohne weiteres von der Reichsbank. Seit dem 13. Juni wurde ihnen die Refinanzierung durch die Diskonterhöhung zwar verteuert, aber nicht unmöglich gemacht. Und von den Kreditrestriktionen, die am 22. Juni einsetzten, wurden die Großbanken ausgenommen, eben weil sie dem Ansturm der Auslandsgläubiger ausgesetzt waren.

Der Reichsbankpräsident hat im Juni mehrfach mit Vertretern der Berliner Großbanken darüber gesprochen, was zu tun sei, wenn eine der besonders stark mit Auslandsgeldern arbeitenden Großbanken in Schwierigkeiten geraten würde. Er hat in diesen Besprechungen während des Juni von Oskar Wassermann, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank und Discontgesellschaft, die beruhigende Versicherung erhalten, daß seine Bank einspringen würde, falls eine andere Bank schwach würde. Freilich glaubte Jakob Goldschmidt von der Danatbank nicht an eine solche Bereitschaft der Deutschen Bank und unterließ es deshalb, sie zu einem gemeinsamen Schritt aufzufordern.

Die Reichsregierung beschäftigte sich, wie die Akten der Reichskanzlei zeigen, seit dem 1. Juli 1931 mit der krisenhaften Entwicklung des deutschen Bankwesens. Den Anstoß dazu gab nicht etwa ein Hilferuf der bedrohten Banken, sondern der „Fall Nordwolle“. Der Reichsbankpräsident hatte Brüning schon am 13. Juni auf die bedrohliche Lage der Nordwolle hingewiesen. Damals ließ sich noch nicht übersehen, wie hoch die Verluste des Unternehmens waren. Ihre Höhe wurde erst am 1. Juli bekannt. Man stellte sie bei der Überprüfung der Tochtergesellschaft Ultramare in den Niederlanden fest. Der hier ermittelte Verlust von 200 Millionen RM wurde der Bank von England noch eher bekannt als der Reichsbank. Luther berichtete nun in einer Ministerbesprechung am 1. Juli über die Lage der Nordwolle. Er regte an, den Zusammenbruch des Unternehmens entweder durch die Reichsbank oder durch die Reichsregierung zu verhindern. Das war wegen der ausländischen, insbesondere der englischen Gläubiger der Nordwolle dringend geboten.

Am Tage darauf, am 2. Juli, verhandelte Reichsbankpräsident Luther mit den Vertretern der vier großen Filialbanken gemeinsam über die Sanierung der Nordwolle; außerdem sprach er mit ihnen einzeln über die Lage der Banken. In den Einzelbesprechungen erfuhr Luther, daß die Deutsche Bank ihre Bereitschaft, für eine notleidend gewordene Bank einzuspringen, nunmehr stark einschränkte. Wassermann teilte ihm mit, daß infolge der verschärften Gesamtlage eine solche Hilfe nur darin bestehen könne, daß die Deutsche Bank einem bedrohten Institut Wechsel leihe. Er nannte dabei einen Betrag von 50 Millionen RM.

Da unterdessen die ausländischen Kreditabzüge unvermindert fortgesetzt wurden, berieten seit dem 4. Juli der Reichsbankpräsident, Beamte des Reichsfinanzministeriums und Vertreter der Großbanken und der Industrie darüber, wie man die Kreditwürdigkeit der deutschen Banken und der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Ausland stärken könne. In diesen Gesprächen versuchte Luther, die Vertreter der Privatwirtschaft zur Bildung eines Garantiesyndikats zu bewegen. Zu diesem Garantiesyndikat sollten sich alle Banken und Industrieunternehmungen mit einem Betriebsvermögen von mehr als 5 Millionen RM zusammenschließen. Die Mitglieder des Garantiesyndikats sollten gemeinsam eine Ausfallbürgschaft in Höhe von 500 Millionen RM für die Kreditgeschäfte der Deutschen Golddiskontbank übernehmen. Freilich kam das Garantiesyndikat nicht durch freiwilligen Entschluß der Wirtschaft zustande, sondern mußte durch eine Notverordnung (Verordnung über die Schaffung einer Wirtschaftsgarantie vom 8. Juli 1931) gegründet werden; Der gesetzliche Zwang, der zur Bildung des Garantiesyndikats notwendig war, minderte dessen beruhigende Wirkung auf die Auslandsgläubiger ganz erheblich.

Am gleichen Tage, an dem die Notverordnung erlassen wurde, war die Darmstädter und Nationalbank schon in einer so verzweifelten Lage, daß Jakob Goldschmidt sich genötigt sah, das zu tun, was er noch vor vier Wochen strikt abgelehnt hatte: er wandte sich an die Deutsche Bank. Im Gespräch mit Wassermann bot er die Fusionierung der Danatbank mit der Deutschen Bank an. Wassermann lehnte das Angebot ab, da er den Umfang des Risikos, das seine Bank dabei eingehen würde, nicht übersehen könne. Darauf teilte Goldschmidts Kollege bei der Danatbank, Bodenheimer, am nächsten Tage Wassermann mit, daß die Danatbank ihre Zahlungen nicht länger aufrechterhalten könne. Goldschmidt wurde am gleichen Tage (9. Juli) auf sein dringendes Ersuchen vom Reichskanzler empfangen. Der ersten Besprechung zwischen Brüning und Goldschmidt schlossen sich im Laufe des Tages noch zwei weitere an. Reichsbankpräsident Luther war bei diesen Gesprächen nicht anwesend, da er am 9. Juli zu einer Reise nach London, Brüssel, Paris und Basel aufgebrochen war, um auf der Grundlage des Garantiesyndikats einen neuen internationalen Kredit für Deutschland zu erwirken. In den Gesprächen mit Goldschmidt erklärte sich Reichsbankvizepräsident Dreyse bereit, der Danatbank weitere Hilfe zu gewähren. Diese Hilfe sollte darin bestehen, daß die Reichsbank der Danatbank weiterhin, wie schon in den letzten Wochen, Bank-auf-Bank-Wechsel, das heißt Finanzwechsel, diskontierte. Gute Handelswechsel konnte die Danatbank schon nicht mehr einreichen, da ihr Bestand bereits erschöpft war.

Dreyse machte die Hilfe von zwei Bedingungen abhängig. Die erste Bedingung bestand darin, daß die Reise Luthers erfolgreich sein werde und zu einem Rediskontkredit der anderen Notenbanken an die Reichsbank führen müsse. Als zweite Bedingung verlangte er eine Reichsgarantie. Brüning stellte die Reichsgarantie in Aussicht, ebenfalls unter der Voraussetzung, daß der Rediskontkredit an die Reichsbank zustande kommen werde. Daraufhin erklärte Dreyse sich bereit, der Danatbank bis zum Abschluß dieses Rediskontkredits, das heißt für zwei bis drei Tage, erst noch einmal weiterzuhelfen.

Luthers Reise zu den westeuropäischen Notenbanken war ein Mißerfolg. Schon auf der ersten Station, in London, erhielt Luther eine glatte Absage. Norman lehnte einen neuen Rediskontkredit mit der Begründung ab, daß die Lage in Deutschland sich seit dem Hoover-Moratorium nicht gebessert, sondern sogar noch verschlechtert habe, und daß die Bank von England durch ihre Hilfsaktion für Österreich schon stark in Anspruch genommen sei. Er hielt eine Überwindung der Krise mit den Mitteln der Notenbanken für unmöglich und legte Luther nahe, er möge der Reichsregierung empfehlen, den Devisenabzug aus Deutschland durch Regierungsverhandlungen aufzuhalten. Dabei ließ Norman durchblicken, daß die britische Regierung hilfsbereit sei, daß aber von Frankreich zunächst noch Schwierigkeiten zu erwarten seien.

Paris sagt nein

Am 10. Juli verhandelte Luther mit Moret, dem Gouverneur der Banque de France. Moret wies Luther darauf hin, daß die Banque de France zwar in der Lage sei, der Reichsbank einen Rediskontkredit zu geben, daß aber die Voraussetzung dafür die Wiederherstellung des Vertrauens sei, und um das Vertrauen wiederherzustellen, müßten zuvor die politischen Voraussetzungen geschaffen werden. In einer Unterredung mit dem französischen Finanzminister Flandin versuchte Luther erneut, die Koppelung von Wirtschaft und Politik auszuschalten und den Rediskontkredit als eine rein wirtschaftliche Angelegenheit zu behandeln. Vergebens! Flandin nannte ihm nun im einzelnen die politischen Wünsche, von deren Erfüllung die französische Regierung einen Rediskontkredit an die Reichsbank abhängig machte: Brüning und Curtius sollten zu Verhandlungen nach Paris kommen. Deutschland sollte in der Zollunionsfrage nachgeben. Der Bau des „Panzerkreuzers A“ sollte zurückgestellt werden. Dieses Schiff, das spätere Panzerschiff „Deutschland“, war bereits auf Kiel gelegt worden. (Nach den Bestimmungen des Vertrages von Versailles durfte Deutschland sechs dieser „Westentaschenpanzerschiffe“ von je 10 000 Tonnen bauen, und der „Panzerkreuzer A“ war der erste.) Ferner sollte Deutschland seine Revisionswünsche hinsichtlich des Polnischen Korridors und hinsichtlich des Youngplans aufgeben.

Die französische Regierung wollte also die deutsche Bankenkrise ausnutzen, indem sie sich eine Kredithilfe durch eine Reihe von politischen Zugeständnissen Deutschlands bezahlen ließ. Hinter den Forderungen der französischen Regierung stand die öffentliche Meinung Frankreichs. Darauf hatten die französischen Bankiers Luther hingewiesen. Als einzigen greifbaren Erfolg konnte Luther in Paris verbuchen, daß die Banque de France ihren Rediskontkredit an die Reichsbank vom 24. Juni, der am 16. Juli fällig gewesen wäre, um drei Monate verlängerte.

Während der Reise Luthers unternahm die Reichsregierung weitere Schritte zur Überwindungder Bankenkrise. Brüning alarmierte die amerikanische Regierung. Er teilte dem amerikanischen Botschafter Sackett mit, daß mit dem Hoover-Plan die Dinge in Deutschland noch nicht geordnet seien, daß vielmehr noch der wirklich entscheidende Schritt, nämlich positive Kredithilfe, getan werden müsse. Brüning bat den Botschafter, er möge seine Regierung in diesem Sinne-„beschwören“. Sackett schickte noch am gleichen Abend ein entsprechendes Telegramm nach Washington. Die Amerikaner reagierten sofort, und am 11. Juli begannen Regierungsbeamte in Washington mit der Erörterung von Möglichkeiten zur Kreditgewährung an Deutschland. Das wichtigste Ergebnis des Hilferufs nach Washington war zwei Wochen später die Konferenz von London, die auf Anregung des amerikanischen Präsidenten Hoover zusammentrat und über ein Stillhalteabkommen für die kommerziellen Schulden Deutschlands beriet. (Die Zahlung der politischen Schulden war schon durch das Hoover-Moratorium für ein Jahr ausgesetzt worden.)

Der zweite Schritt der Reichsregierung zur Überwindung der Bankenkrise wurde in den Tagen vom 9. bis zum 12. Juli unternommen. Der Wirtschaftsausschuß des Reichskabinetts versuchte in diesen Tagen eine Garantiegemeinschaft aller Großbanken für die schwach gewordenen Banken, eventuell unter Garantie des Reichs, zustande zu bringen. Der Vorschlag stieß bei den Banken auf Ablehnung. Der Versuch scheiterte endgültig am Abend des 12. Juli, nachdem die Deutsche Bank auf nochmaliges Drängen der Regierung ihre Ablehnung bekräftigt hatte, und zwar mit der Begründung, daß sie ein noch unbekanntes Risiko nicht übernehmen könne.

Jetzt war das Schicksal der Danatbank nicht mehr abzuwenden. Am 11. Juli verschärfte die Reichsbank ihre Kreditrestriktionen, nachdem am Vorabend Luther den Mißerfolg seiner Bemühungen um einen ausländischen Rediskontkredit mitgeteilt hatte. Das hereingenommene Wechselmaterial wurde scharf gesichtet, und die Zahl der hereingenommenen Wechsel wurde stark begrenzt; denn der Gold- und Devisenbestand der Reichsbank hatte sich in zwei Monaten (seit Mai 1931) von 2,6 auf 1,6 Milliarden RM verringert, während der Wechselbestand in der gleichen Zeit von 1,8 auf 3,3 Milliarden RM angewachsen war. Die Danatbank hatte keine Wechsel mehr anzubieten, die den verschärften Anforderungen der Reichsbank genügten. Da die Reichsbank schon am 9. Juli eine weitere Unterstützung der Danatbank vom Erfolg der Bemühungen Luthers in London und Paris abhängig gemacht hatte, lehnte sie jetzt jede weitere Refinanzierung ab. Auch die großen Privatbanken erklärten sich außerstande, der Danatbank die Refinanzierungsmöglichkeit, das heißt erstklassige Handelswechsel im Betrag von 250 Millionen zu beschaffen. Lediglich die Deutsche Bank stellte der Danatbank im Tausch für 30 Millionen RM Akzepte zur Verfügung, die von der Reichsbank rediskontiert wurden. Das war jedoch viel zu wenig. Deshalb teilte Goldschmidt am 11. Juli dem Reichskanzler mit, daß seine Bank am 13. Juli (Montag) ihre Schalter nicht mehr öffnen werde.

Die Danatbank ist pleite

Die Darmstädter und Nationalbank hatte bei der Nordwolle rund 50 Millionen RM verloren. Das entsprach fast ihrem Aktienkapital (60 Millionen RM). Dieses Aktienkapital betrug aber nur noch auf dem Papier 60 Millionen; denn über die Hälfte der Aktien, mit einem Nominalwert von 35 Millionen RM, befand sich im Besitz der Bank. In den letzten acht Wochen hatte die Danatbank rund 650 Millionen RM gekündigter Gelder ausgezahlt. Das war ein Drittel der fremden Mittel, die sie vor dem Run gehabt hatte. Als die Zahlungen eingestellt wurden, hatte die Danatbank noch eine Gesamtverpflichtung von 1,5 Milliarden RM, darunter noch 460 Millionen RM Auslandsverpflichtungen. An dem Geldabzug hate sich seit dem 6. Juli, seitdem die „Basler Nationalzeitung“ den Namen der Danatbank genannt hatte, auch das Inlandspublikum beteiligt.

Gleichzeitig mit dem bevorstehenden Schalterschluß der Danatbank wurde der Reichsregierung am 11. Juli die vollständige Illiquidität der Landesbank der Rheinprovinz mitgeteilt. Die Landesbank war nicht mehr in der Lage, fällige kurzfristige Kredite und zurückverlangte Einlagen auszuzahlen. Bei Verpflichtungen von über 200 Millionen RM konnte sie keine größeren Beträge flüssigmachen, weil sie ihre Einlagen hauptsächlich an die überschuldeten Kommunen weitergegeben hatte. Und diese Kredite waren dort vollständig eingefroren. Die zurückverlangten Einlagen waren hauptsächlich Einlagen der Sparkassen, die diese bei der Landesbank als Liquiditätsreserven unterhielten. Und die Landesbank hatte aus diesen Einlagen Kredite an die Gemeinden gewährt, die ohnehin schon überschuldet und deren Zahlungsfähigkeit zweifelhaft war. Die Städte Köln und Düsseldorf nahmen unter den Schuldnern der Landesbank die ersten Plätze ein. Dieses Kreditgeschäft mit den Liquiditätsreserven der Sparkassen war ein grotesker geschäftlicher Fehler der Landesbank und obendrein ein Verstoß gegen die Regeln des Musterstatuts für die preußischen Sparkassen.

Da die Preußische Staatsbank (Seehandlung) wegen der Erschöpfung ihrer Mittel der Landesbank der Rheinprovinz nicht helfen konnte, sprang auf Vermittlung der Reichsregierung die Reichsbank ein; hier mußte sofort geholfen werden. Schließlich war die Landesbank der Rheinprovinz ein öffentlich-rechtliches Kreditinstitut, und an ihr hingen die rheinischen Sparkassen. Die Reichsbank stellte als erste Hilfe 30 Millionen RM zur Verfügung. Sie machte dies aber davon abhängig, daß die preußische Landesregierung die Leitung der Landesbank sofort ablöste und die Bank unter einem Staatskommissar in eigene Verwaltung nahm. Der Staatskommissar sollte mit diesen 30 Millionen Teilzahlungen an die Gläubiger leisten und sie zum Stillhalten bewegen, bis weitere Maßnahmen getroffen wurden.

Die Regierung will helfen

Die Nachricht von der Illiquidität der Danatbank und der Landesbank der Rheinprovinz löste an diesem Wochenende eine fieberhafte Tätigkeit in der Reichskanzlei aus. Am Spätnachmittag des 11. Juli kamen die Ressortchefs zu einer – Besprechung zusammen. Der amtierende Wirtschaftsminister, Staatssekretär Trendelenburg, schlug vor, das Reich solle für die Schulden der Danatbank eine Garantie gegenüber den Gläubigern übernehmen, um einen Run auf die anderen Banken zu verhindern; sollten die anderen Banken trotzdem einem Run ausgesetzt sein, so müsse man Bankfeiertage einlegen. Ehe die Regierung Beschlüsse faßte, wollte sie erst noch den Reichsbankpräsidenten, der am gleichen Abend aus Paris zurückerwartet wurde, und Vertreter der Banken und der Wirtschaft hören.

So fanden sich am Abend des 11. Juli die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses des Reichskabinetts, der Reichsbankpräsident und Vertreter der Banken und der Wirtschaft ein. Da aus den Äußerungen der Bankenvertreter hervorging, daß sie die Lage pessimistisch beurteilten – denn sonst hätten sie ja nicht die Forderung nach Bankfeiertagen oder nach einem Moratorium für Auslandszahlungen erhoben –, stellte Brüning ihnen die Gretchenfrage: Würden die anderen Großbanken, wenn kein neuer Rediskontkredit gegeben würde, nicht in eine ähnliche Lage geraten wie die Danatbank? Während Wassermann auf diese Frage antwortete, daß die Lage der deutschen Großbanken nicht schlechter sei als sonst irgendwo in der Welt, bezeichneten Jeidels und Loeb, deren Banken (Berliner Handelsgesellschaft und Bankhaus Mendelssohn) freilich weniger bedrängt waren als die „großen Vier“ (Deutsche Bank, Dresdner Bank, Commerz- und Privatbank, Danatbank), die Lage der Großbanken als schlecht. Eine einheitliche Meinung konnte in der Besprechung nicht gewonnen werden.

Der Griff zur Notverordnung

Nach dem ergebnislosen Ausgang der Besprechung kamen die Ressortchefs und der Reichsbankpräsident am Vormittag des 12. Juli wieder zusammen. Angesichts der amerikanischen Forderung einigte man sich darüber, auf keinen Fall ein Moratorium für Auslandszahlungen zu verkünden; eine Devisenverordnung wurde für unbedingt notwendig gehalten; außerdem sollte sich der Reichsbankpräsident bei der nächsten Sitzung der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (am 13. Juli) um einen neuen Rediskontkredit bemühen. Während das Kabinett dann darüber beriet, welche Maßnahmen hinsichtlich der Danatbank zu ergreifen seien, wurde dem Reichskanzler mitgeteilt, „daß auch die Dresdner Bank am Zusammenbrechen sei“. Jetzt mußten die gleichen Maßnahmen, die für die Danatbank erwogen wurden, auch auf die Dresdner Bank ausgedehnt werden. Das Kabinett vertagte seine Sitzung auf den Nachmittag. In der Zwischenzeit wurde im Reichswirtschaftsministerium der Entwurf einer Notverordnung ausgearbeitet, welche das Reich zum Eingreifen in die Bankenkrise ermächtigen sollte.

Um 16.30 Uhr trat das Kabinett zu erneuter Beratung zusammen, die mit wechselndem Teilnehmerkreis bis nachts um 2 Uhr dauerte. Trendelenburg legte den Ministern den Entwurf einer Notverordnung vor, welche der Reichsregierung ein allgemeines Eingreifen in die Bankenkrise ermöglichen sollte. Dafür war vorgesehen, daß das Reich die Garantie für Bankeinlagen übernehmen, Bankfeiertage anordnen und einzelne Banken unter die Verwaltungsaufsicht des Reiches stellen könne. Die Diskussion beschäftigte sich vor allem mit zwei Fragen: sollte die Verordnung eine allgemeine Ermächtigung geben oder auf die Danatbank und die Dresdner Bank beschränkt werden? Ferner: Sollte das Reich eine unbegrenzte oder begrenzte Garantie für die Forderungen der Bankengläubiger übernehmen? Auf Betreiben Brünings einigte sich das Kabinett auf eine Verordnung, welche die Reichsregierung zu einem allgemeinen Eingreifen ermächtigte; die Danatbank und die Dresdner Bank sollten in einer begleitenden Erklärung namentlich genannt werden.

In den späten Abendstunden zog das Reichskabinett noch zweimal die Bankenvertreter zu seinen Beratungen hinzu. Zunächst forderten die Banken die Änderung der Notverordnung dahin, daß sie speziell auf die Danatbank zugeschnitten würde. Die Einbeziehung der Dresdner Bank, die man nach der Alarmmeldung vom Vormittag für notwendig gehalten hatte, schien nun nicht mehr erforderlich; denn Gutmann vom Vorstand der Dresdner Bank hatte in einem Gespräch mit Luther und Dreyse seine Bank für zahlungsfähig erklärt. 36 Stunden später mußte die Dresdner Bank dann doch Farbe bekennen und der Reichsregierung ihre Illiquidität mitteilen ... Außer der Spezifizierung der Notverordnung auf die Danatbank forderten die Bankenvertreter eine Atempause, und zwar dadurch, daß am nächsten Tage (Montag, 13. Juli) ein allgemeiner Bankfeiertag eingeschoben würde. Die Regierung kam diesem Wunsch nach und beschloß für Montag einen Bankfeiertag. Dieser Beschluß wurde aber nicht ausgeführt; denn bei einer nochmaligen Aussprache des Kabinetts mit den Bankenvertretern wurden „psychologische Bedenken“ gegen den Bankfeiertag laut. Das Kabinett machte darauf seinen Beschluß wieder rückgängig. Nachdem die Reichsregierung in der Frage des Bankfeiertages zweimal den Wünschen der Bankiers gefolgt war – zunächst im positiven, dann im negativen Entscheid –, änderte sie auch die Notverordnung nach den Wünschen der Bankenvertreter und beschränkte sie auf die Danatbank.

Der Sturm auf die Schalter

Am Montag, dem 13. Juli, hielt also die Darmstädter und Nationalbank ihre Schalter geschlossen. Die Bank ließ an allen ihren Filialen eine Mitteilung anschlagen, in der sie darauf hinwies, daß die Reichsregierung sie zu folgender Erklärung ermächtigt habe:

„Die Reichsregierung wird auf Grund des Herrn Reichspräsidenten durch volle Garantieleistung für alle Einlagen für eine ruhige Abwicklung der Geschäfte der Danatbank Sorge tragen.“

Einige Stunden später wurde die Notverordnung über die Danatbank veröffentlicht. Sie ermächtigte die Reichsregierung, Garantien für die Danatbank zu übernehmen. In der Durchführungsverordnung wurden diese Garantien präzisiert. Danach übernahm die Reichsregierung im Namen des Reiches die Ausfallbürgschaft für die Erfüllung der Verbindlichkeiten der Danatbank aus Spareinlagen, aus laufender Rechnung, aus eigenen Akzepten der Bank und soweit sie sonst in den Büchern der Bank als Kreditoren geführt wurden. Für Verbindlichkeiten der Bank gegenüber ihren persönlich haftenden Gesellschaftern Goldschmidt und Bodenheimer, ebenso für Verbindlichkeiten, denen eine Forderung der Bank an den Gläubiger gegenüberstand, galt die Bürgschaft nicht. Die Reichsregierung erhielt ferner die Ermächtigung, Zwangsvollstreckungen und die Eröffnung des Konkursverfahrens gegen die Bank zu unterbinden und die Geschäftsführung der Kontrolle und Leitung eines von ihr bestellten Treuhänders zu unterstellen.

Wenn die Vertreter der Großbanken am 12. Juli gemeint haben, eine spezielle Notverordnung für die Danatbank würde eher, als eine allgemeine Bankennotverordnung einem Run auf die anderen Banken vorbeugen, so erwies sich das als böse Selbsttäuschung. Kaum war der Schalterschluß der Danatbank bekanntgeworden, da setzte der Ansturm des inländischen Publikums auf die Banken und Sparkassen ein. Es wurde so viel abgehoben, daß die Banken und Sparkassen noch am Vormittag dazu übergingen, nur einen Teil der Auszahlungsforderungen zu leisten. Die Berliner Banken zahlten ab 11.30 Uhr nur noch jeweils 20 Prozent der geforderten Beträge aus, und die Sparkassen zahlten auf jedes Zahlungsbegehren nur mehr höchstens 100 RM aus. Das war bereits eine weitgehende Zahlungseinstellung. Der Berliner Oberbürgermeister Dr. Sahm teilte Staatssekretär Pünder am Abend mit, daß die Berliner Sparkasse, die in der Vorwoche immer noch Einnahmeüberschüsse erzielt habe, am 13. Juli 7 Millionen RM habe auszahlen müssen und daß sie für den nächsten Tag nur noch 1 Million RM Barmittel habe.

Bankfeiertage als Ausweg

Diese Nachrichten lagen der Reichsregierung vor, als sich am Abend des 13. Juli die Ressortchefs zur Besprechung beim Reichskanzler einfanden. Im Verlauf der Besprechung traf noch eine weitere Hiobsbotschaft ein. Kurz nach 21 Uhr teilte Reichsbankpräsident Luther telephonisch aus Basel mit, daß sein Versuch, bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich einen Rediskontkredit für die Reichsbank zu beschaffen, völlig gescheitert sei; die anderen Vorstandsmitglieder der Bank seien der Ansicht, daß die finanzielle Hilfe für Deutschland eine politische Frage sei, die von ihnen nicht gelöst werden könne. Trendelenburg schlug in dieser Situation drei Sofortmaßnahmen vor: die Verordnung eines Bankfeiertages, eine Verordnung über den Devisenverkehr und die Ankündigung eines legalen Ersatzzahlungsmittels. Dieser dritte Vorschlag fand aber im Kabinett keine Mehrheit. Eine Entscheidung über den Devisenverkehr wurde vertagt. So beschloß das Kabinett nur, die nächsten beiden Tage, den 14. und 15. Juli, zu Bankfeiertagen zu erklären, um der offenen Zahlungseinstellung weiterer Kreditinstitute zuvorzukommen. Danach waren am 14. und 15. Juli alle öffentlich-rechtlichen, genossenschaftlichen und privaten Kreditinstitute geschlossen; nur die Reichsbank war ausgenommen. Die Leistung und Entgegennahme von Zahlungen und Überweisungen an das Inland und Ausland, auf welchem Weg auch immer, war untersagt. Auch der Postscheckverkehr ruhte. Für die Berechnung von Terminen und Fristen galten die Bankfeiertage als staatlich anerkannte allgemeine Feiertage.

Sofort nach Verkündung der Bankfeiertage kündigten zahlreiche ausländische, vor allem Schweizer und niederländische Banken, ihre sämtlichen noch in Deutschland stehenden Kredite. Andererseits teilten mehrere große amerikanische und englische Banken den Berliner Großbanken mit, daß sie ihre Rembourskredite in Deutschland aufrechterhalten wollten. Auch ohne die empfindliche Reaktion der ausländischen Gläubigerbanken war es der Reichsregierung und den deutschen Banken klar, daß die Bankfeiertage nur eine befristete Atempause bedeuteten und daß die eigentliche Arbeit zur Überwindung der Bankenkrise im Innern und nach außen noch bevorstand.