Kanonen, Panzer, Sondermeldungen – Die Demokratie brach fast lautlos zusammen,

Von Thilo Koch

Athen, im April

Es ist nicht schwer, Griechenland zu lieben. Unmöglich ist es, Griechenland im Frühling nicht besonders zu lieben. Aber an diesem Freitag, dem 21. April 1967, bestimmen nicht pastellfarbene Hemdchen und klickende Touristenkameras das Straßenbild von Athen. Nagelstiefel auf Asphalt, das metallene Geräusch beim Durchladen von Maschinenpistolen, das Grollen von Panzermotoren, Schüsse – das sind die Geräusche vom Tage. Und das Radio. Eine einzige Sondermeldung wird immer und immer wieder gebracht, dazwischen Marsch- und Volksmusik. Der Ausnahmezustand ist erklärt, Notstandsgesetze sind in Kraft getreten, die Grundrechte dispensiert. Die Sondermeldung schließt mit einem einzigen Namen: Konstantin, König der Hellenen.

Athen hat einen amerikanischen Soldatensender AFN. Frank Sinatra, wie gewöhnlich, Weltnachrichten jeweils zur vollen Stunde wie gewöhnlich. Aber über die Ereignisse in Griechenland auch nur die lapidare Meldung: Auf Grund von Sicherheitsproblemen habe das Militär die Macht übernommen; Ausgangssperre, auch für amerikanisches Personal und dessen Angehörige, von 18.30 Uhr Freitagabend bis 6.30 Sonnabendfrüh; der Befehl sei strikt zu befolgen, nach Sonnenuntergang werde ohne Warnung auf jeden geschossen, der sich auf der Straße blicken lasse. Die Tagesdurchschnittstemperatur liege bei etwa 55 Grad Fahrenheit.

Mein Hotel gleicht einer komfortablen improvisierten Quarantänestation. Tausend Touristen, zumeist Amerikaner, fügen sich diszipliniert den Anweisungen des verbliebenen Personals. Das kleine Heer der Dienstleister hatte am Freitagfrüh nicht wie gewöhnlich den Arbeitsplatz aufsuchen können. So flitzen die zufällig im Hotel anwesenden Kellner und Zimmermädchen, um das Nötigste zu tun. Ein Oberst der US Air Force lehnt an einem Pfeiler und versichert, Leben und Eigentum aller US-Bürger werde garantiert. Unter der Hand hört man, das Hotel habe für fünf Tage ausreichend Verpflegung im Keller.

Die Ahnungslosigkeit der meisten Touristen ist rührend. Sie wollten die Akropolis sehen, und nun sehen sie khakifarbene Helme. Wird Griechenland ein zweites Vietnam? fragt eine eifrige Lady. Ist dies die Ouvertüre zu einer Revolution? Wiederholt sich die griechische Tragödie des fürchterlichen Bürgerkrieges 1946 bis 1949? Haben die heutigen Kommunisten Waffen? Würden sie von den Ostblocknachbarn Griechenlands unterstützt werden. Tausend Kilometer lang ist die Grenze mit Bulgarien, Jugoslawien, Albanien. Was würde die Sowjetunion tun?