Eben dies, die Wiederholung des Bürgerkrieges, wollen wir verhüten – so hört man aus den Kreisen der Putschenden. Hätte das Militär warten sollen, bis die griechische Linke anläßlich der für Ende Mai angesetzten Parlamentswahlen das Volk in revolutionäre Erregung versetzt hätte? Die Namen von Vater und Sohn Papandreou fallen immer wieder. Der alte Herr ist neunundsiebzig und nicht mehr ganz gesund. Sohn Andreas hat den starken linken Flügel der Zentrumspartei hinter sich. Würde er, der radikale Sozialist, nicht eine Volksfront mit den Kommunisten bilden? Würde er Griechenland nicht neutralisieren, an den Osten anlehnen und von der NATO wegführen?

Nein, hatten die Papandreou-Leute gerade in letzter Zeit erklärt, wir wollen ein sozialdemokratisches, mit dem Westen verbündetes Griechenland, das die Eigentumsverhältnisse neu ordnet, die Macht der Monarchie und der besitzenden Oberschicht begrenzt; wir sind eine Partei des Volkes und des Fortschritts. Richtig ist, daß Georgios Papandreou 1944 als Ministerpräsident den kommunistischen Aufstand niederschlug, der nach Abzug der deutschen Truppen ausbrach. Er bewies Mäßigung und hielt eine liberale, sozialreformerische Linie ein. Noch unlängst erklärte er, daß er einen politischen Zweifrontenkrieg nach links und rechts führen müsse. Das Mißtrauen der griechischen Rechten und des Militärs richtete sich deshalb mehr und mehr auf den in den USA ausgebildeten, radikaleren Sohn Andreas und auf die Kräfte links von ihm: auf die kommunistische Tarnpartei EDA (Einheitliche Demokratische Linke) und deren Fraktionsvorsitzenden Iliou. Diese beiden Männer waren denn auch unter den ersten, die die Militärjunta verhaften ließ.

Am Freitag kam aller Verkehr in Griechenland zum Erliegen, auch der Geldverkehr. Die Börse blieb geschlossen, aber an der Gerüchtebörse stiegen die Kurse um so steiler. Von einer Verhaftungswelle, die Tausende erfaßt habe, wurde gesprochen. Parteiführer, auch solche der Rechtsparteien, Abgeordnete, Journalisten stünden unter Hausarrest oder warteten auf Polizeistationen und Sportplätzen auf ihren Abtransport ins Gefängnis oder auf eine der Ägäischen Inseln. Sogar der letzte Regierungschef, der konservative, königstreue, militärfreundliche Professor Kanellopoulos war verhaftet worden.

Gegen Mittag wurde das strikte Ausgehverbot lässiger gehandhabt. Ich machte einen ausgiebigen Spaziergang um den Sperrgürtel beim Parlament und beim Palast des Königs herum. Auch Zivilautos bewegten sich wieder. Ein Obststand machte auf, einige Leute tranken ihren geliebten Café Grec an den Tischchen auf dem Trottoir. Die Gesichter der Soldaten wurden freundlicher, gleichmütiger. Sie beschäftigten sich mit ihren Waffen, blickten aber auch verstohlen den Mädchen nach. Ein gewisses Lächeln, ja sogar Lachen schien zurückgekehrt in die Straßen von Athen. Schon verdeckten bunte Kleider und Zivilanzüge das graugrüne Sturmgepäck an den Straßenkreuzungen. Keinerlei Widerstand machte sich bemerkbar.

Auf der Kifissias-Straße sah ich eine schnellfahrende grüne Limousine mit auffälligem Stander. "Der König", rief ein Passant. Wo eilte er hin? War er der Initiator des Umsturzes? Hatte er – mit Hilfe der Bajonette seiner Soldaten – nur sich selber retten und absichern wollen? Denkbar schien es. Konstantin, sechsundzwanzig Jahre alt, war bei der linken Mehrheit der Wähler nicht sehr beliebt. Es hieß, daß eine linke Regierung, wenn sie Ende Mai an die Macht kommen sollte, durch ein Volksbegehren die Monarchie abschaffen werde. Konstantin, Sohn der deutschen Kaiserenkelin Friederike, gilt als ehrgeizig. Ein Korrespondent der New York Times hatte im vergangenen Jahr den Eindruck gewonnen, daß er sich bei einem nationalen Notstand veranlaßt sehen werde, die parlamentarische Demokratie in Griechenland zu dispensieren.

War das die zureichende Erklärung für den überraschenden Putsch? "Es stecken mal wieder die Amerikaner dahinter", hörte ich einen Mann auf der Straße sagen. Aber war es nicht undenkbar, daß der US-Botschafter Talbot das Staatsoberhaupt einer NATO-Nation ermuntert hätte, die Demokratie durch Militärdiktatur zu ersetzen? Was heißt denn NATO? Verteidigung der demokratischen Freiheiten gegen ihre Feinde. Etwa nur gegen ihre äußeren Feinde, die Kommunisten, und nicht auch gegen ihre inneren, die Faschisten aller Spielarten? Wenn aber der Einfluß der Amerikaner so groß wäre, wie er auf Grund ihres Einsatzes in Griechenland nach dem Zweiten Weltkrieg sein mußte, warum verhinderten sie dann nicht die Diktatur? Lag ihre 6. Flotte nicht im Mittelmeer bereit, war nicht die wirtschaftliche Abhängigkeit Griechenlands von den USA enorm?

Simple Erklärungen werden der komplizierten Lage in Griechenland jedenfalls nicht gerecht. Bei der Rolle des Königs begannen schon die Zweifel. Hatte man nicht auch seine persönlichen Adjutanten verhaftet? War er nicht selbst überrumpelt worden? Schien es nicht immer wahrscheinlicher zu werden, daß auch die hohe Generalität nicht den Einsatzbefehl gab? Offensichtlich war der Putsch gut vorbereitet worden. Alles lief wie am Schnürchen. Generalstabschef Spentidakis zeichnete am Samstag schon als Vizepräsident und Verteidigungsminister der neuen Regierung; aber nicht einmal er schien da: entscheidende Wort gesprochen zu; haben.