Düsseldorf

Wenn ich in Augsburg vor Elias Holls prächtigem Rathaus stehe und staunend erfahre, daß der Augsburger Stadtbaumeister nicht mehr als fünf Jahre (von 1602 bis 1607) an diesem Prunkstück gearbeitet hat, dann wüßte ich zu gern, was sich der Rat der Fugger-Stadt dieses Stück reichsstädtischer Repräsentation hat kosten lassen.

Zwischen Mülheim und Düsseldorf, an der Bundesstraße 1 und von Autofahrern mit einem Seitenblick schon seit Jahresfrist bestaunt, kann man genau erfahren, was Holls Rathaus kostet, wenn man es im Maßstab 1:25 aus Holz, Metall und Plastik nachbaut. Der neue Bauherr Will Dommel, Architekt von Hochhäusern zwischen Düsseldorf und Madrid, hat glatte 300 000 Mark in diesen Mini-Bau investiert. Er hat Holls Fassaden und Erker, den Turm und die Voluten, Treppen und Portale von Tischlern, Bildhauern, Messingschmieden und Feinmechanikern bis in die kleinste Einzelheit exakt nachbauen lassen.

Als Kindermärchen, an dem Erwachsene ihre Freude haben, verkauft Will Dommel seine Mini-Welt. Er will jene anlocken, die sich von den monumentalen Massen des Ulmer Münsters oder des Klosters Ettal bedrückt fühlen, weil sie beim Original den Überblick verlieren. Dabei ist die fünfundzwanzigfache Verkleinerung noch immer imposant genug. Zu den sieben Meter hohen Türmen des – noch nicht ganz fertigen – Ulmer Münsters wird man auch in „Minidomm“ noch aufblicken müssen, und um das Hafenbecken von Bremerhaven mit der berühmten Kolumbus-Kaje zu umwandern, wird man eine knappe Viertelstunde-brauchen, gesetzt den Fall, man hält sich bei der Betrachtung der zahllosen, teilweise ferngesteuerten Schiffe, Kräne, Verladeanlagen und Speicher nicht allzulange auf.

Auf Tausenden von Quadratmetern hat Architekt Dommel einen Jugendtraum wahrgemacht. Er hat den Kölner Dom nicht in Laubsägearbeit oder aus Streichholzschachteln nachgebildet, sondern ihn in einen großangelegten Garten mit rot-weiß eingeketteten Wegen gestellt. Umrahmt mit japanischen Zwergbäumen und mit originalgetreuen Straßenlaternen, in deren Kuppel er aber Lautsprecher einbaute, aus dem Schlagermusik tönt.

So finden sich in dem Vergnügungspark, in dem Kunsthistorie (fünf Mark Eintrittsgeld) ebenso verkauft wird wie gebratete Hähnchen, Schaschlikspieße und Limonade, die kleinsten Superlative der Welt. Die bisher größte Attraktion: Das Münster von Ulm, für das allein rund 4000 Kreuzblumen mit der Hand geschnitzt werden mußten, in dessen Nischen 1800 Heiligen- und allegorische Figuren stehen, alle den Originalen getreu nachgebildet. Die Bildhauer, Schreiner, Messingschmiede und Maler, die Will Dommel in Brot setzte, schufen auch die schmiedeeisernen Tore der Würzburger Residenz aus Messingdraht. Mit der Uhrmacherlupe brachten sie die Rosetten an.

So weit ging die Originaltreue beim Nachschaffen der alten Bauwerke, daß man für die Münchner Frauenkirche selbst die bunten Glasmalereien nachahmte. Dommel braucht viel Platz für seine Mini-Welt, auf dem der Markt von Forchheim und das Thyssenhochhaus in Düsseldorf – wie das Original, die Fassaden aus rostfreiem Stahl – stehen. Und noch mehr Platz wird notwendig sein, wenn er sich an den Mini-Superlativ der Superlative macht: Der Vatikan soll in den nächsten Jahren hier erstehen. Aber Minidomm – der Name ist dem des nur ein Drittel so großen Vorbildes Madurodam in Holland nachgebildet – ist natürlich auch ein Kinderparadies, zu dem Walt Disney Pate stand.