Bonn

Der Vater arbeitete sich vom Diener hoch zum Butler. Der Sohn brachte es weiter. Obwohl Nichtakademiker im allgemeinen versagt bleibt, in hohe Bonner Beamtenränge aufzurücken, avancierte er bis zum Regierungsdirektor. Und er wäre fast noch Ministerialrat geworden. Vorher jedoch kam die Pensionierung und dann sein großer Fall. Der Regierungsdirektor Karl Evers, 63 Jahre alt, Leiter des Referates Bordausrüstung im Verteidigungsministerium wird die Früchte seiner Karriere nicht auf seinem Alterssitz im niederbayerischen Grafenau genießen, auf ihn wartet eine nüchterne Gefängniszelle. Denn der Staatsdiener war bestechlich.

Das Bonner Landgericht verurteilte Karl Evers in der vergangenen Woche zu zweieinhalb Jahren Gefängnis wegen schwerer passiver Bestechung. Evers hatte nämlich seine keineswegs kargen Einkünfte als Beamter (über 2000 Mark monatlich) durch Geschenke von der Industrie aufgebessert. Sie waren über das Übliche – Taschenkalender, Kugelschreiber oder noch eben zu vertretene Menüs – weit hinausgegangen. Selbst für maghrebinische Usancen wäre es zuviel gewesen, was Evers nahm: Geld- und Sachzuwendungen im Gesamtwert von rund 23 000 Mark von den VDO-Tachometerwerken Adolf Schindling. Dafür stand Evers vor Gericht und wurde verurteilt.

Aber mindestens ein weiterer Prozeß wird folgen. Der auf hohe Trinkgelder erpichte Bordausrüster nahm auch von der VDO-Konkurrenz, was er bekommen konnte. Die amerikanische Bordausrüstungsfirma Sperry-Rent ließ sich die guten Kontakte über Evers zur Hardthöhe etwas kosten und füllte Evers Schweizer Geheimkonto mit rund 20000 Mark. Und dann ist noch die Rede von mindestens 12 000 Dollar, die der Regierungsdirektor a. D. von einem guten Freund für Freundesdienste bekommen haben will, von dem Präsidenten der US-Bordausrüstungsgesellschaft Columbia Commerce Cooperation.

Zehn Jahre hatte Evers sein Referat gehütet, die „Nahtstelle zur Industrie“, wie der VDO-GeschäftsführerHermann Fiedler Evers’ Tätigkeit umschrieb. Verärgert schied er Ende April 1966 vorzeitig aus dem Dienst, weil seine längst fällige Ernennung zum Ministerialrat ausgeblieben war. Wer Sand in das Beförderungsgetriebe gestreut hatte, erfuhr der Verprellte zehn Tage nach seinem Abschied, als er telegraphisch nach Bonn beordert wurde. Das Antikorruptionsreferat des Verteidigungsministeriums und die Staatsanwaltschaft hatten endlich Beweise gefunden, daß Evers – wie seit längerem vermutet – sein Amt jahrelang für private Vermögensbildung mißbraucht hatte.

Die Bundeshauptstadt hatte wieder einmal einen großen Skandal. Der damalige Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel nahm das nicht weiter tragisch. Er bagatellisierte die Korruption vor dem aufgeschreckten Parlament: „Daß bei Rüstungsausgaben in Höhe von 49 Milliarden Mark meine Männer naturgemäß Anfechtungen ausgesetzt sein können, ist nicht zu bezweifeln.“

Karl Evers empfand seinen mangelnden Widerstand gegen die Verlockungen aus der Wirtschaft auch nicht weiter schlimm. Weit entfernt, seine Verfehlungen zu bedauern, trat er selbstbewußt, fast herrisch dem Gericht entgegen. Mit erhobenem Zeigefinger dozierte er über die Praktiken in seiner ehemaligen Dienststelle: „Das ist so. Wenn man aus der Luftfahrt kommt, denkt man anders. Verstehen Sie das, Herr Landgerichtsdirektor?“