Dies ist ein wütender, fast ein verzweifelter Angriff auf einen Typ van Literaten, der Saul Bellow zufolge die Literatur in den USA usurpiert hat. Ob es sich in Europa ähnlich verhält, mag jeder Quf Grund seiner Erfahrungen entscheiden.

Von Saul Bellow

Wir können den Wandel nicht meistern. Er istzu .umfassend, zu rasch. Der Versuch würde uns das Leben kosten. Es ist jedoch wichtig, daß wir uns bemühen, jene Wandlungen zu begreifen, die uns unmittelbar berühren. Auch das mag unmöglich sein, aber wir haben keine Wahl.

Was ich hier im Auge habe, sind die Veränderungen, die sich in den englischsprechenden Ländern im Verhältnis des Schriftstellers zum-Publikum vollzogen haben. Ich werde dieses Verhältnis zunächst so beschreiben, wie es sich einem Schriftsteller der Avantgarde vor dreißig Jahren dargestellt hätte.

Er hätte sich zweifellos als kultiviert bezeichnet. Nicht ohne Ironie, aber nichtsdestoweniger entschieden hätte er einen Unterschied zwischen sich und den Halbkultivierten, jenen Nachäffern der Kultur, den Kaumkultivierten oder den Unkultivierten gemacht, den haßerfüllten Philistern, die gegen alles, auftraten, was gut und schön an der modernen Tradition war. Das heißt nicht, daß der kultivierte Schriftsteller seine Isolierung immer liebte und daß er das große Publikum aus Stolz oder dekadentem Klassenbewußtsein ablehnte. Im Gegenteil, die Aufteilung der Kultur in hoch und niedrig gab oft Anlaß zu Bitterkeit, und viele dieser Kultivierten betrachteten sie als eine Gefahr für die Gesellschaft und für die Kultur überhaupt.

Der Avantgardist der dreißiger Jahre sehnte sich oft nach dem achtzehnten Jahrhundert und dem kleinen, gebildeten, aristokratischen Publikum jenes Zeitalters der Meisterwerke – die Erniedrigungen der Hofpoeten mag er dabei übersehen haben. In seinen Augen war das Publikum des neunzehnten Jahrhunderts bereits vulgarisiert – begeisterungsfähig vielleicht, aber grobkörnig, ein Publikum von Ladenbesitzern. Die Schwächen dieses Publikums wurden noch verschlimmert durch Unternehmer, die sie geschäftlich zu nutzen verstanden und mit billigen Romanen ein Vermögen verdienten. Die Massenkultur war geboren. Die avantgardistische Minderheit – so der Avantgardist selbst – wurde kleiner und kleiner. Der Spezialist trat auf den Plan, der Techniker, eine neue Spielart des Intellektuellen, der wenig oder gar kein Verständnis für Kunst und kaum Sympathie für das geistige Leben hatte.

Im zwanzigsten Jahrhundert schließlich – um den Fall so darzulegen, wie ihn ein brillanter Kritiker und Beobachter, der verstorbene Wyndham Lewis, ein wirklich Kultivierter, dargelegt hat – spaltete sich die Kultur, und alles Schöpferische und Geistige wurde in Pferche oder Reservationen getrieben. Der Künstler der Avantgarde wurde gleich dem Indianer auf unfruchtbaren Boden gedrängt, in einen Elfenbeinturm gesperrt und jedes menschlichen Kontaktes, jedes menschlichen Einflusses beraubt. Wahrscheinlich würde alles dies mit der völligen Ausrottung der Intellektuellen enden. Nur einige wenige zwielichtige Meisterwerke von Männern wie James Joyce oder Paul Klee würden übrigbleiben, und wir würden das Stadium der endgültigen Degradierung erreichen, die Ära der brutalen, bleiernen Verdummung.