Stuttgart

Ich bin Kroate!“ – sagte der 27 Jahre alte Franjo Goreta, als er am 30. August 1966 wenige Minuten nach der Ermordung von Sava Milovanovic, des Leiters der Stuttgarter Außenstelle des jugoslawischen Generalkonsulats, in einem Restaurant von Polizeibeamten neben der Leiche festgenommen wurde. „Als Kroate lebe ich, und als Kroate sterbe ich“, sagte Goreta in dem Prozeß vor dem Stuttgarter Schwurgericht, das ihn vor wenigen Tagen wegen Totschlags zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt hat. Mit Goreta verschwindet eine Schlüsselfigur im jugoslawischen Bruderkampf, der in der Bundesrepublik zwischen kommunistischen Serben und nationalen Exilkroaten schwelt, hinter Gittern.

„Die Bundesrepublik kann sich nicht als Kleinkriegsschauplatz für Ausländer mißbrauchen lassen“, sagte Staatsanwalt Häberle, der über Goretas Vergangenheit urteilte: „Wer auf diese Weise in eine Konfliktsituation gerät, der kommt nicht ohne Schuld hinein.“ Nach dem Militärdienst in Jugoslawien und einer anderthalbjährigen Zuchthausstrafe in seiner Heimat war Goreta am 7. November 1962 als Gastarbeiter in die Bundesrepublik gekommen. „Weshalb soll ich lügen? Ich hatte den Auftrag, die Emigranten zu entlarven.“ Daß in seinem Paß seine Vorstrafen nicht verzeichnet sind, wurde als Beweis dafür gewertet, daß er mit dem jugoslawischen Geheimdienst UBDA in Verbindung stand. Für jeden Exilkroaten, den er umbringe, seien ihm 20 000 Mark versprochen worden, erklärte er.

War es allein die Geldgier, die Goreta in die länge der Geheimorganisation getrieben hatte? Warum ließ er sich immer wieder mit Milovanovic ein, obwohl ihn die deutsche Kriminalpolizei schon vor dem Serben gewarnt hatte? Diese Fragen sind in dem Prozeß ebenso unbeantwortet geblieben wie die Rolle Goretas als Mitglied der Kroatischen Revolutionären Bruderschaft HRB, bei der er 1966 einen Schwur auf Treue geleistet haben soll. Hatte er sich in diese auf den Tod verschworene Gemeinschaft als Spitzel aufnehmen lassen? Hatte er gar im Auftrag dieser Bruderschaft Milovanovic niedergeschossen? Hatte der gelernte Fleischer, der schon zu Hause als Schläger bekannt war, plötzlich Gewissensbisse bekommen? Alle diese Fragen blieben offen, genauso offen wie der Verdacht, daß Goreta auch für die deutschen Behörden gearbeitet haben könnte. Warum hatte er die erste Pistole, die ihm Milovanovic ausgehändigt hatte, zum Stuttgarter Landeskriminalamt getragen? Warum hatte man ein Abschiebungsverfahren gegen ihn eingestellt? Warum hatte er sich angeblich am Bahnhof in Karlsruhe eine Pistole gekauft, wenn ihn die deutsche Polizei unter Schutz gestellt haben soll?

Zu viele Geheimnisse lagerten über diesem Prozeß. Bei den Durchsuchungen der Zuhörer vor dem Betreten des Gerichtssaals hatte die eigens eingesetzte Polizeireserve zwar einige Messer unter den Röcken der Serben und Kroaten hervorgeholt. Welche Rolle der Ermordete aber selbst in dem Kidnapping der Jugoslawen gespielt hat, blieb ebenso im Dunkeln wie Goretas Motiv. Der Gerichtsvorsitzende folgerte so: Goreta habe aus Angst vor Milovanovics Drohung, aus Wut über seine zwiespältige Lage zwischen seiner Bruderschaft und dem Geheimdienst sowie aus Ärger über sein Schicksal gehandelt. Goreta aber sagte am Sarg des Toten: „Dieser Kommunist ist nun kaputt“, und vor Gericht, er sei lieber im deutschen Gefängnis als in der Freiheit, wo er als Verräter gebrandmarkt werde. Und um das alles allen verständlich zu machen, fügte er hinzu, das deutsche Gefängnis sei ja ohnehin nur ein Krankenhaus... N. L.