Von Peter M. Ladiges

Das Buch erschien 1954 bei Jean-Jacques Pauvert. Dreizehn Jahre hat es gebraucht, um nach Deutschland zu kommen. Verleger, die es drucken wollten, bekamen die Rechte nicht, und andere, die es nicht drucken wollten, hatten sie oder hätten sie haben können. Die Zeit aber und die Umwege haben dem Renommee des Buchs nicht geschadet, und in Frankreich ist man erstaunt über den Erfolg der deutschen Ausgabe: Zwei Drittel der Auflage von 45 000 Exemplaren sollen bereits verkauft sein –

Pauline Réage: „Geschichte der O“ (Originaltitel: „Histoire d’O“), mit einem Vorwort von Jean Paulhan, aus dem Französischen von Simon Saint Honoré; Joseph Melzer Verlag, Darmstadt; 260 S., 25,– DM

Curiosa et Erotica nennt man ein bestimmtes Genre von Büchern. Dieses Buch ist ein Kuriosum in jeder Beziehung, und seine Aura, sein Geheimnis waren in der Diskussion oft wichtiger als der Text selbst. Mystifikation – könnte man sagen – ist seine Essenz.

Der Name der Autorin ist ein Pseudonym, und man weiß bis heute nicht, wer sich dahinter versteckt. Dem Buch wurde der Literaturpreis ,,Les Deux Magots“ verliehen, genannt nach jenem Literatencafe, das Mitte der fünfziger Jahre noch der Treffpunkt des Clans von St.-Germain-des-Pres war. Es trug seinem Verleger eine gerichtliche Verhandlung und Jean Paulhan, dem Verfasser des Vorworts, Schwierigkeiten ein, als er in die Académie gewählt werden sollte. Man hielt ihn für den Autor. Kenneth Anger, einer der bekannteren Regisseure des New Yorker Underground Cinema, hieß es, habe den Roman als Vorlage für einen Film benutzt, und Szenenphotos waren zu sehen, die sich dann als das einzig Existente des Films erwiesen. Auch eine Fortsetzung der Geschichte ist inzwischen geschrieben worden: „O et M“ von Charles Estienne, der sich von der Vorstellung verfolgt fühlte, man müsse O und Melmoth, den ewigen Wanderer, einmal zusammenbringen.

Die „Geschichte der O“ ist eine Kuriosität in einem sehr ursprünglichen Sinn: Sie macht neugierig, ihre geheimen Bedeutungen verlangen nach Deutungen. Die Spekulationen über die Autorenschaft sind nie abgerissen. Immer wieder werden Jean Paulhan genannt oder Dominique Aury oder beide. Als Geheimtip hörte ich einmal sogar den Namen von Madame Mendès-France.

Betrachtet man jedoch bestimmte stilistische Eigentümlichkeiten des Textes, dann fallen Ähnlichkeiten mit André Pieyre de Mandiargues auf, der seine Titelgeschichte in „Schwelende Glut“ (Insel-Verlag, Frankfurt, 1964) Pauline Réage widmet und sich auch sonst sehr vertraut über den Roman äußert. Solchen Indizien zum Trotz, ist dieses eine Möglichkeit, die in Frankreich rundweg als unsinnig bezeichnet wird.