Marschall Wassilij Tschuikow: Das Ende des Dritten Reiches. Wilhelm Goldmann Verlag, München; 240 Seiten

Der Garde-Sergeant German Petrowitsch Schaschkow, der während der Kämpfe in der Innenstadt von Berlin halb verbrannt und verstümmelt von den sowjetischen Soldaten aus seinem abgeschossenen Panzer geborgen wurde, erhält von seinem Truppenführer, dem Marschall W. Tschuikow, in dessen Memoiren ein Denkmal. „Der Held starb mit den Worten: Danke, Brüder, daß ihr meinen Körper nicht in die Hände der Faschisten habt fallen lassen.“ So steht es im russischen Original, doch nicht in der deutschen Ausgabe des Goldmann-Verlages, für deren Übersetzung Valerian P. Lebedew verantwortlich zeichnet.

Das Impressum sagt, der Übersetzer habe den Text auch bearbeitet, doch gibt es weder ein Vorwort noch ein Nachwort, das Art und Umfang der Bearbeitung begründet und präzisiert. Sie beschränkt sich im allgemeinen darauf, jene Stellen zu streichen, deren Gewicht dem Übersetzer für die Kenntnis der historischen Abläufe unbedeutend erschien, die andererseits aber für das patriotische Pathos eines sowjetischen Marschalls charakteristisch sind – so, als hätte sich Lebedew über dessen Tonart geärgert.

Andererseits leistet er sich in seiner sonst exakten und zuverlässigen Übersetzung den Luxus, gelegentlich eine kleine Verzierung anzubringen, die im Original nicht steht. So schildert Tschuikow den deutschen General Krebs, dessen Gesicht von einer zersprungenen Fensterscheibe zerschrammt war, als mittelgroß, stämmig und mit glattrasiertem Kopf. Er spricht auch von den Schrammen im Gesicht des Generals, die Lebedew als „Schmisse“ übersetzt. Damit das Bild plastischer wird, dichtet Lebedew eine „Portweinnase“ hinzu – so steht der General in der Schilderung des russischen Marschalls unversehens als Karikatur da.

Daß derartige Willkür ein gewisses Mißtrauen in die Arbeit eines Übersetzers hervorruft, liegt auf. der Hand. Wir haben es zwar mit den Memoiren des Marschalls zu tun, aber doch nicht eben so, daß man nun ein authentisches zeitgeschichtliches Dokument zu lesen bekäme.

Der Sowjetmarschall, 1900 in der Nähe von Moskau geboren, hat Stalingrad verteidigt, den Stoß auf Berlin geführt. Man wird von ihm kein objektives Bild erwarten, der sich als rächender Drachentöter sieht, gleichsam mit dem rauchenden Schwert in der Faust. Es liegt ihm auch wenig daran, mit generalstabsmäßiger Kühle Operationen nachzuzeichnen und den logischen Verlauf strategischer und taktischer Unternehmungen darzustellen. Als Truppenführer hat er seine Erfolge errungen, ein unerbittlicher, grimmiger und tapferer Mann, der politisch zu denken und seine Rotarmisten mitzureißen verstand.

So wechselt seine Perspektive; bald auf der Armeeführer-, bald auf der Zug- oder Bataillonsebene läßt er den Leser am Geschehen teilnehmen, wobei er sich nicht versagen kann, wo es nur angeht, seinem Oberbefehlshaber, dem Marschall Schukow, am Zeuge zu flicken.

Tschuikow ist deshalb in den sowjetischen Fachzeitschriften angegriffen worden, doch haben sich seine Feststellungen hinsichtlich des günstigsten Angriffstermins auf Berlin nicht entkräften lassen. Dem zeitgeschichtlich interessierten Leser bietet diese deutsche Ausgabe keine wesentlichen Gesichtspunkte und Tatsachen, die nicht schon, aus anderen Quellen ergänzt, in der einschlägigen Literatur über die Eroberung von Berlin berücksichtigt worden wären. Eindrucksvoll bleibt, wie dieser Mann sich unbefangen selbst sein Heldendenkmal setzt und an keiner Stelle einem „historischen Objektivismus“ verfällt. Hannsferdinand Döbler