Die letzten Landtagswahlen haben die SPD verstört gemacht; in der Haut der CDU möchte aber auch keiner stecken. Weitere Siege solcher Art wären eine Katastrophe – denn sie könnten die SPD wieder in die Opposition befördern. Die CDU hätte dann ihren letzten Koalitionspartner verschlissen. „Wir müssen nett zur SPD sein, sonst ergeht es uns mit ihr wie mit der FDP“, erklärten besorgte CDU-Leute. Das heißt: Die CDU muß die SPD schlagen, ohne ihr dabei weh zu tun, ja, am besten, ohne daß sie etwas davon merkt.

Die CDU hat nämlich vor, die Große Koalition bis 1969 zu erhalten, weil sie nur so die absolute Mehrheit erlangen kann. Weitere Mißerfolge der SPD aber würden die schöne, reibungslose Zusammenarbeit der beiden Parteien, besonders die zwischen Kiesinger und Wehner sowie zwischen Schiller und Strauß überschatten.

Zum Testfall für die Große Koalition wird die Niedersachsenwahl werden. Die CDU befürchtet einen Erdrutsch zu ihren Gunsten – und möchte ihn gerne verhindern. Dazu wäre es freilich notwendig, daß sich auch jetzt noch Menschen bereitfinden, der SPD ihre Stimme zu geben. Wie schwer es manche haben, noch Gründe zu finden, die SPD zu wählen (weil man ja genausogut gleich die CDU wählen kann), das zeigt der Versuch der CDU, der SPD Stimmen zuzuführen, die sie selbst nicht unbedingt brauchen kann. Zu diesem Zweck wandte sie sich zunächst an vertrauenswürdige CDU-Mitglieder. Hierzu eine typische Äußerung:

„SPD wählen? Also, wenn Sie es genau wissen wollen: Mit diesem Gedanken habe ich manchmal tatsächlich gespielt. Um die da oben von meiner Partei ein bißchen auf Trab zu bringen, durch ein bißchen Opposition. Aber jetzt ist die SPD nicht einmal das – also wozu sie noch wählen?“

Ein Liberaler, der früher gelegentlich die SPD gewählt hat: „Warum soll ich denn die SPD wählen? Ich bin gegen die Notstandsverfassung, ich bin für die Gemeinschaftsschule und für die Erleichterung der Ehescheidung. Fragen Sie mal die SPD, wofür sie ist – seit sie in der Regierung sitzt.“

Schließlich hoffte man bei der CDU, wenigstens bei den Sozialdemokraten Menschen zu finden, die sich durch nichts davon abbringen lassen, diese Partei zu wählen.

„SPD? Ich – als Arbeiter? Ich habe noch nie eine Rechtspartei gewählt. Da wähle ich doch gleich die CDU mit ihrem Katzer. Der ist wenigstens links.“