Das Gewitter hat sich nicht entladen, die Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftsminister und Industrie ist ebenso rasch abgeklungen, wie sie begonnen hatte. Bei der Hannover-Messe zeigten sich Schiller und die Spitzenmänner des Bundesverbandes der Deutschen Industrie bereits wieder in freundlichem Gespräch. Der Wirtschaftsminister war sichtlich bemüht, das Wohlwollen der Unternehmer zurückzugewinnen, denen er wenige Tage vorher den Fehdehandschuh hingeworfen hatte. Schiller bekannte sich zu der Aufgabe, zu starke Lohnsteigerungen zu verhindern und versprach überdies, die Regierung werde nicht „in einen zart sich regenden Aufschwung hinein“ die Steuern erhöhen.

Weder das Lächeln für die Photographen noch der Austausch von Höflichkeiten können jedoch darüber hinwegtäuschen, daß Schiller seit seinen Attacken gegen die Unternehmer und die Bundesbank viel Sympathien eingebüßt hat. Eine Mißstimmung hat sich eingestellt, für die es, das sei gleich gesagt, keine sachlichen Gründe gibt.

Der Minister war im Recht, als er sofort nach seinem Amtsantritt den Kurs auf „Expansion“ stellte – denn im Jahr 1967 war nicht mehr die Stabilität, sondern das Wachstum gefährdet. Der Minister war im Recht, als er ohne Rücksicht auf die Haushaltslage einen Eventualhaushalt als Investitionsspritze konzipierte. Der Minister ist sogar im Recht, wenn er sich darüber beklagt, daß Bundesbank und Industrie seine Politik nicht nachdrücklich genug in Wort und Tat unterstützen. Fritz Berg und andere prominente Unternehmer sprechen in der Tat zuviel von Lohndruck, Überexpansion, Gefährdung der Stabilität – von Problemen also, die uns gestern bedrückt haben und vielleicht übermorgen wieder Sorgen bereiten werden, heute aber nur theoretische Bedeutung haben.

Aber wer recht hat, darf daraus noch nicht die Berechtigung ableiten, andere in aller Öffentlichkeit wie unaufmerksame Schuljungen abzukanzeln. Schiller muß verstehen, daß Unternehmer einen plötzlichen Kurswechsel der Wirtschaftspolitik nicht so schnell akzeptieren wie Professoren der Nationalökonomie, er muß wissen, daß nun einmal viele Wirtschaftler Angst vor „sozialistischem Wachstumsfanatismus“ haben. Anderen in brillanten Formulierungen – Ironie macht alles noch schlimmer – vorzuhalten, daß sie weniger präzise denken als man selbst, kann nur bewirken, daß aus halben Freunden ganze Feinde werden.

Menschlich verständlich ist die Reaktion des Ministers gewiß: Er ist gereizt worden, man hat ihn sogar brüskiert. Hinzu kommt, daß Schiller seit Monaten ein enormes Arbeitspensum bewältigt, viele Nächte hindurch diskutiert und verhandelt. Das alles können freilich nur Erklärungen sein, vielleicht Entschuldigungen – sie ändern nichts an der Tatsache, daß Karl Schiller nach glänzendem Start einen ersten Fehler gemacht hat. Natürlich ist es töricht, wenn einige Kommentatoren den Streit zur „ersten ernsten Krise der Großen Koalition“ aufbauschen wollen, aber zweifellos wird der Minister es nun schwerer haben, seine – gewiß richtige – Politik durchzusetzen. Diether Stolze