Viele der Neo-Klassizisten behaupten, die Rolle der Gewerkschaften bei der Auslösung einer Inflation werde stark übertrieben. Ein echter Lohn-Kosten-Druck sei selten – zumindest solange, bis die Inflation zunächst einmal die Reallöhne heruntergedrückt hat. „Das einzige Beispiel in der amerikanischen Geschichte, daß für einen erheblichen Teil der Wirtschaft Kosten-Preis-Druck tatsächlich von Bedeutung war“, sagte Professor Friedman, „sind die Jahre von 1933 bis 1937, als die National Recovery Administration, die Agriculture Adjustment Administration, das Wagner-Gesetz und die wachsende Macht der Gewerkschaften den Preisen auf einem breiten Sektor einen Auftrieb gaben.“

Aber eine Frage, die von den Neo-Keynesianern gestellt wurde, ist unbeantwortet geblieben. Sicherlich kann ein dosiertes Kapitalangebot bei einer gleichzeitigen Steuerung der allgemeinen Nachfrage eine Inflation verhindern, aber welche Vorschläge haben die neoklassischen Wirtschaftswissenschaftler für eine Vermeidung der Arbeitslosigkeit? Genau wissen sie es nicht. Sie argumentieren, daß eine gewisse Arbeitslosigkeit unvermeidlich ist, schon wegen des Korsetts, in das die Wirtschaft durch Gesetze gepreßt wird, wie etwa die Lohntarife, das Gesetz über Mindestlöhne und die Gesetze, die die Arbeitszeit und die Löhne bei Regierungsaufträgen regeln. Deshalb, sagt Friedman, „muß die Beschäftigung der Wirtschaft mit der Immobilität in Einklang gebracht werden. Wenn die Pläne der Regierung für eine Vollbeschäftigung zu ehrgeizig sind, ist das einzige, was unvermeidbar ist, eine steigende Inflation“.

Aber die Anhänger des Neo-Klassizismus argumentieren, daß die Wahl keineswegs unausweichlich zwischen Inflation, und unerträglicher Arbeitslosigkeit getroffen werden muß. Angenommen, sagen sie, das Federal Reserve Board würde, unterstützt von der Regierung, bindend ankündigen, daß das Kapitalangebot bis zu dem Grade ausgeweitet wird, der ein optimales Wirtschaftswachstum ermöglicht, daß es aber nicht für eine Beschäftigung durch ein weiter erhöhtes Kapitalangebot sorgen würde, wenn willkürliche Lohn- und Preiserhöhungen für rechtsgültig erklärt werden; dann wüßten beide, Arbeitnehmer und Arbeitgeber, daß ein Abkommen über höhere Lohntarife nicht realisierbar sei. Sie wären gezwungen, Zurückhaltung zu üben, die Arbeitslosigkeit bliebe in erträglichen Grenzen.

Die Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten während der vergangenen zwölf Jahre spiegelt die Meinungsverschiedenheiten der beiden wirtschaftswissenschaftlichen Schulen deutlich wider. Die Eisenhower-Regierung verfocht und praktizierte mit glücklicher Hand die neoklassischen Prinzipien, sie erreichte stabile Großhandelspreise, jedoch auf Kosten einer relativ hohen Arbeitslosigkeit und eines langsamen wirtschaftlichen Wachstums.

Die Kennedy-Johnson-Regierung überdrehte dagegen die neukeynesianischen Thesen und erreichte damit zwar eine fast vollständige Vollbeschäftigung, aber auf Kosten einer erheblichen Inflation.

Beide Regierungen sahen sich zahlreichen und komplizierten Problemen gegenüber, und jede kollidierte mit der Tatsache, daß in den Vereinigten Staaten die Führung der Wirtschaftspolitik nicht in einer Hand liegt. Da ist einmal der Präsident, der eigentlich in der Lage sein sollte, die Wirtschaft in die Politik einzuordnen. Da ist zum anderen das Federal Reserve Board, das in erster Linie für die monetären Angelegenheiten und die Regelung des Kapitalangebotes verantwortlich ist. Theoretisch ist das Fed, wie es in den USA kurz genannt wird, unabhängig, aber es kann und wird auch mehr oder weniger vom Präsidenten beeinflußt. Da ist weiter das Schatzamt, das normalerweise mit dem Präsidenten zusammenarbeitet. Und da gibt es noch die Kommission der wirtschaftlichen Berater, die ihre wirtschaftliche Erfahrung dem Präsidenten zur Verfügung stellt, die aber auch manchmal schwerwiegende Fehler begeht. So waren zum Beispiel die führenden Wirtschaftler des Landes gegen ein neues Mindestlohn-Gesetz, weil es die Arbeitslosigkeit nur noch fördern würde. Dennoch fand sich die Kommission bereit, in einem Brief an den Kongreß das Gesetz zu unterstützen.

Die Regierung Eisenhower drosselte 1953 die wirtschaftliche Aktivität im Zusammenhang mit einer knappen Geldpolitik des Federal Reserve Board. Dann begann der Board mit der schnellsten Kehrtwendung in seiner Geschichte, die Wirtschaft plötzlich anzukurbeln. Bis 1957 gerieten Kosten und Preise völlig außer Kontrolle und die Unternehmergewinne schrumpften. Von 1955 bis 1966 stieg der Lohn pro Arbeitsstunde um nahezu 6 Prozent jährlich, viel schneller als die Produktivität. Darum verfügte der Board schwerwiegende Restriktionen, zum Teil gegen den Willen des damaligen Leiters der Beraterkommission, Raymond Saulnier. Auf Anordnung von Präsident Eisenhower, der dringend einen ausgeglichenen Haushalt wünschte, verfolgte auch das Schatzamt einen harten Kurs. Dem Kassendefizit von 13,1 Milliarden Dollar im Jahre 1959 folgte ein Jahr später ein Überschuß von nahezu einer Milliarde Dollar. Das war der größte Umschwung in der amerikanischen Geschichte zu Friedenszeiten. Bis 1960 blieben nun Löhne und Großhandelspreise stabil. Durch die Verlangsamung des wirtschaftlichen Aufschwungs waren Arbeitgeber und Arbeitnehmer gezwungen, das Anwachsen von Preisen und Löhnen zu zügeln, und die Unternehmer konzentrierten sich darauf, die Kosten zu reduzieren.