Von Joshua Lederberg

Die Biochemie der Intelligenz und die Erziehungswissenschaft stehen einander in ihrer Wichtigkeit nicht nach. Beide Wissenschaften haben sich zum Ziel gesetzt, die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns zu verbessern. Gemeinsam ist beiden Disziplinen allerdings auch ein nahezu perfektes Vakuum: Es fehlen noch wissenschaftlich gesicherte Fakten; sie sind in ein Gewebe aus Introspektion, Intuition und Spekulation eingesponnen und daher objektiv nicht erkennbar.

Zu den wenigen Ausnahmen in der Chemie des Denkens gehört eine seit 75 Jahren in der Medizin bekannte, unbezweifelbare Tatsache: Das Gehirn braucht zu seiner normalen Entwicklung ein Hormon, das von der Schilddrüse produziert wird, das Thyroxin.

Nun gibt es, wie man weiß, eine Reihe von Faktoren, die die Funktion der Schilddrüse einer schwangeren Frau, eines Embryos oder eines Neugeborenen beeinflussen. Dazu gehören genetische Defekte, infektiöse oder allergische Erkrankungen der Schilddrüse, der Jodgehalt der Nahrung, Substanzen in Nahrungsmitteln, die dem Hormon entgegenwirken oder Arzneimittel, die eine hemmende Wirkung auf die Drüse ausüben.

Ehe wir gelernt hatten, die Wirkung solcher Faktoren mit Thyroxin-Gaben auszugleichen, war dieses Potpourri aus genetischen und umweltbedingten Einflüssen schicksalhaft für die Entwicklung eines Kindes und insbesondere seiner geistigen Fähigkeiten. Ein für einen Schilddrüsendefekt verantwortliches Gen war ein Gen für Schwachsinn.

Heute wird eine gravierende Funktionsstörung der Schilddrüse, die zum Kretinismus führen würde, sofort erkannt und behandelt, so daß diese früher häufigste Form der’Idiotie nur noch selten vorkommt.

Die subtileren Wechselwirkungen zwischen der Thyroxin-Produktion und der Gehirnbildung beginnen wir erst allmählich zu verstehen. Tierversuche haben gezeigt, daß das Hormon einen direkten Einfluß auf die Entwicklung von Hirnzellen und deren Nervenfasern ausübt, insbesondere auf den Prozeß der Myelination. Darunter versteht man die Bildung der isolierenden Nervenfaser-Umhüllungen, die für eine rasche Weiterleitung von Nervenimpulsen notwendig sind.