Madrid, Ende April

Die Agenten der Geheimpolizei sind rechtzeitig zur Stelle. Aus geschlossenen Fahrzeugen beobachten sie durch ihre Sonnenbrillen den Anmarsch der Studenten. Es ist Mittwoch der 26. April. Madrids akademische Jugend versammelt sich in dem modernen Ziegelhochbau der volkswirtschaftlichen und politischen Fakultät zu einer illegalen Versammlung.

Viele Studenten fahren im eigenen Wagen vor. Sie tragen elegante Anzüge, weiße Hemden, geschmackvolle Krawatten. Im Voksmund heißen Spaniens Jungakademiker „Herrensöhnchen“, weil sie fast alle aus dem wohlsituierten Bürgertum kommen. Junge Mädchen mit langen Mähnen und engen Röcken halten in der einen Hand die brennende Zigarette, in der anderen die Statuten eines freien, demokratischen Studentenverbandes, den sie an diesem Vormittag in der großen Fakultätsaula in offener Rebellion gegen das Franco-Regime aus der Taufe heben wollen.

In der Mensa, die wie eine schicke Cafeteria ausgestattet ist, servieren weißbejackte Kellner Espresso-Café und Fruchtsäfte. Die jungen Leute drängen sich an der Theke und diskutieren: Werden die „grises“ wieder anrücken, die grauuniformierten Knüppel-Schläger der bewaffneten Polizei? Wird es wieder zu einer großen Keilerei kommen wie vor zwei Monaten, als sich das blumengeschmückte, luxuriöse Universitätsviertel in ein wüstes Schlachtfeld verwandelte, auf dem demonstrierende Studenten und Polizisten in maßloser Erbitterung aufeinander einschlugen? Bis aufs Blut gereizt waren die „Grauen“ damals in die Mensa eingebrochen und hatten blindwütig sogar auf junge Mädchen und vergeblich protestierende Auslandskorrespondenten eingedroschen.

Die Schlagwut der Polizisten drückt die Unsicherheit des Regimes aus, das sich tastend aus der brüchig gewordenen Frontlinie der Diktatur zurückzieht und verzweifelt versucht, die stürmisch nachdrängende Opposition im Vorfeld der Demokratie zum Stehen zu bringen. Jede Stellung, die das Regime räumt – teils freiwillig, teils der Not gehorchend – wird von der Opposition zum Ausgangspunkt neuer Angriffe benutzt. Mit einem halben Sieg will sie sich nicht mehr zufrieden geben. Aber wie wird der Sieg aussehen? Die Opposition – an ihrer Spitze katholische Jungpriester, Studenten- und Arbeiterführer – ist radikal und marxistisch. Nach dreißigjähriger Franco-Diktatur schlägt das politische Pendel in Spanien von weit rechts nach weit links aus, und niemand weiß, wer am Ende die wahren Sieger sein werden – die Demokraten, die Kommunisten oder die Generäle, die angesichts einer neuen Bürgerkriegsgefahr wie die Obristen in Griechenland die Nerven verlieren und eine neue Militärdiktatur errichten könnten.

Daß die Demokratie, die sie wünschen, bereits gefährdet ist, während sie noch für sie kämpfen, ahnen die Studenten nicht, die sich um elf Uhr auf den schräg ansteigenden Klappstuhlreihen, in den Gängen und auf den Fensterbänken der Aula versammeln. „Bitte nicht rauchen!“ steht mit Kreide geschrieben auf der Wandtafel. Niemand kümmert sich darum. Die Luft ist zum Schneiden dick. Sie wird nicht besser, als sich der Schwefelgestank heimlich – und wahrscheinlich von Geheimagenten – verstreuter Stinkbomben verbreitet. Ein Sprecher erntet einen Lacherfolg, als er neben den Vertretern der Fakultäten auch die „Vertreter der Fakultät des staatlichen Geheimdienstes“ im Saale begrüßt.

So ist die Stimmung angeheizt, als ein Student eine vorbereitete Grundsatzrede vom Blatt abliest. Nach wenigen Minuten wird deutlich, daß es in dieser Universitätsaula nicht allein darum geht, die staatliche Studentenvertretung zu beseitigen, die das Regime der akademischen Jugend aufzwingen will, und an ihrer Stelle eine freigewählte Organisation zu begründen. Das ist für den jungen Redner „nur ein erster Schritt“. Die Freiheit der Studenten, so ruft er, sei untrennbar mit der Freiheit der Arbeiter verbunden. Und mit Leidenschaft fordert er seine Kommilitonen auf, für die Rechte der spanischen Arbeiterschaft zu kämpfen.