Das Gesamtwerk des letzten deutschen Friedens-Nobelpreisträgers, Carl v. Ossietzky, bleibt seinen Landsleuten in Ost und West, seit dem von den Nationalsozialisten verhängten Veröffentlichungsverbot, vorenthalten. „Die Zeit“ hatte in einer Rezension vom 2. Dezember 1966 bedauert, daß die Ostberliner Ossietzky-Ausgabe des Aufbau Verlags nur zehn Prozent seiner Aufsätze enthält, in der zudem auch keiner der Beiträge erschien, in denen sich C. v. O. sehr kritisch mit den Praktiken der sowjetischen und der deutschen Kommunisten auseinandergesetzt hatte. Am 28. Dezember 1966 antwortete Bruno Frei, DDR-Biograph Ossietzkys, in der „Weltbühne“ (Berlin-Ost) mit der Überschrift „Zitatenklauber“ und wollte mit anderen (bis dahin auch nicht veröffentlichten) Zitaten nachweisen, daß Ossietzky „so nun auch wiederum“ nicht war. Die Antwort des Rezensenten der „Zeit“ an Frei, die der „Weltbühne“ übermittelt wurde, beinhaltete, daß die Ossietzky-Diskussion in Ost und West solange ein scholastischer Disput bliebe, bis das Gesamtwerk veröffentlicht und allen zugänglich gemacht werde. An seine Witwe, Maud v. Ossietzky, war die Frage gerichtet, warum sie das von den Nazis verhängte Veröffentlichungsverbot indirekt verlängere, warum sie Briefe aus der Bundesrepublik, so einer vom DGB in Niedersachsen, nicht beantworte, warum sie die politische Interpretation der Stellung von Ossietzkys nur Bruno Frei und nicht dem Leser selbst überlasse, warum die westdeutsche Gewerkschaftsjugend ihren Mann zwar in Papenburg/Ems ehren, ihn aber nicht lesen dürfe. Die westdeutsche Kritiker-Stellungnahme wurde „natürlich“ nicht in der DDR veröffentlicht, nur eine Antwort. Hier findet sich die Frage nach dem Verhalten der Maud v. Ossietzky dann in der „Weltbühne“ vom 7. März 1967 so wieder: „Sie verlangen einfach, daß Maud von Ossietzky auf etwas verzichtet, worauf die Hinterbliebenen eines Schriftstellers noch niemals verzichtet laben, nämlich auf das Recht, an der Herausgabe der Schriften ihres Mannes mitzuwirken. Sie schlagen närrischerweise um sich aus der Affäre zu ziehen, eine Gesamtausgabe vor, also etwas, was es für das schaffensreiche Leben eines stets zeitgebundenen Publizisten noch nie gegeben hat.“ Es heißt dann weiter: „Der Streitpunkt Ossietzky ist jedoch insofern müßig, als die Zahl derjenigen, die seine Artikel bis zum Februar 1933 gelesen haben und sich zu erinnern vermögen, noch groß ist.“ Aber der viel größere Teil weiß es nicht und muß sich auf die im Herbst 1966 herausgegebene und „gesäuberte“ Ostberliner Ausgabe stützen.

Das Recht, an der Herausgabe der Arbeiten ihres Mannes mitzuarbeiten, ist der Witwe auch mit keinem Wort abgesprochen worden. Die Behauptung in der „Weltbühne“ ist unwahr.

Wenn das Ansinnen, die Veröffentlichung eines Gesamtwerkes des letzten deutschen Friedensnobelpreisträgers zu fordern eine Narretei ist, dann werden die Zensoren Ossietzkys schon wissen, warum sie diese Formulierung verwenden. Wenn auch banal begründet, so,-weiß man jetzt: Carl von Ossietzkys Aufsätze bleiben seinen Landsleuten seit Februar 1933 vorenthalten. Er schweigt, seit Goebbels es so wollte.

Hans Dieter Baroth