Die Geschichtsschreiber der Französischen Revolution sagen uns, daß im Volke zunächst kein Haß gegen das Königshaus herrschte. Die Revolution schritt voran, aber Ludwig XVI. war noch jahrelang König. So schnell ließ das Volk sich nicht gegen das Königshaus aufhetzen, und daß die Liebe dann in Haß umschlug, war nicht allein das Werk der Revolutionäre, sondern es hatten auch einige Hocharistokraten dazu beigetragen, die nicht gegen die Monarchie, wohl aber gegen dieses Königspaar etwas hatten. Es wird berichtet, daß, als Marie-Antoinette zum ersten Male niederkam, noch harmlos die Leute ins Palais gerannt kamen, einfache Leute, um Anteil zu nehmen an der schweren Stunde der Entbindung, wie sie später weniger harmlos herbeikamen, um die schwere Stunde mitzuerleben, als dieselbe Königin enthauptet wurde. Da aber hatten die Revolutionäre und Demagogen längst eine Mauer aufgerichtet zwischen dem Königshaus und dem Volk. Und zur Errichtung dieser Mauer hatten der König und seine Königin selber beigetragen. Aus Gleichgültigkeit? Aus Verachtung? Aus majestätischer Kühle? Aus herzpochender Angst?

Könige und Königinnen müssen populär sein. Sie dürfen nicht hinter Mauern. leben. Die Popularität gehört zu ihrer Majestät. Sie ist existenznotwendig für sie.

Als die Könige noch gute Majestäten waren, Vater und Mutter ihres Volkes, da rannten die Leute herzu, wenn Prinzengeburten angekündigt waren. Sie liefen durch alle Flure des Palais, ließen sich auf Marmortreppen nieder, machten es sich in Salons bequem, als seien sie hier zu Hause. Sie wollten zugucken und mit eigenen Augen gewahren, daß es auch wirklich ihre Königin war, und nicht irgendeine Frau, die einen Prinzen gebar – einen Prinzen, nicht irgendein Baby. Später, so sagen uns die Historiker, gelang es den einfachen, aber begeisterten Bürgern nicht mehr, zum königlichen Kindbett vorzudringen. Aber ihre Vertreter standen dort immer noch herum: Minister, Kardinäle und andere, die beauftragt waren, schnell herauszulaufen und zu verkünden: "Hurra!" und den Kanonieren zu sagen, wieviel Donnerschläge sie loslassen sollten: einundfünfzig für eine Prinzessin, zweiundfünfzig für einen Prinzen.

Vermutlich hat es aber zu allen Zeiten Leute gegeben, die aus Mitleid sagten, man sollte doch den Majestäten Ruhe gönnen in schweren Stunden. Geburt und Tod seien Privatsachen. Wie falsch! Wenn große, machtvolle Männer sterben, ist dies eine öffentliche Angelegenheit. Wenn Menschen geboren werden, von denen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, daß sie zu Größe und Macht kommen, ebenso.

Derjenige, der wünscht – sei es aus Takt, aus Mitleid oder Stilgefühl –, daß keine Filmreporter auf die Bäume in der Umgebung eines königlichen Palastes steigen und Teleobjektive vor ihre Kamera schrauben sollten, und daß es ganz allgemein den Reportern verboten werden müßte, zu Hunderten Tag und Nacht auf der Lauer zu liegen, sobald eine königliche Geburt auf dem Terminkalender steht – wer solches wünscht, der tut vielleicht dem Monarchen, doch keineswegs der Monarchie einen Gefallen.

Es ist daher anzunehmen, daß es dem hohen jungen Paar in Holland nicht zupaß kam, daß Kronprinzessin Beatrix im letzten Augenblick eine Klinik zu Utrecht aufsuchen mußte und daß sie es dem Troß der Kameramänner und Reporter – den Repräsentanten des Volkes von heute – nicht ersparen konnte, sich ebenfalls auf den Weg zu machen. Schließlich ist dann doch alles gutgegangen.

Eine Monarchie ist dort, wo sie nicht nur ein Relikt aus alter Zeit ist, sondern wirklich noch lebt, eine Einrichtung, die zu Zeiten die Kraft hat, ein Volk in eine Familie umzuwandeln, eine einzige Familie. Wie wäre es sonst zu erklären, daß die Nachricht, der neugeborene Prinz wöge 3,850 Kilo, so viel Genugtuung erweckte? Sonst, im bürgerlichen Leben, interessieren sich nur die engsten Familienmitglieder fürs Gewicht.