Das Ritual blieb streng, Millionen von Bildzeitungs-Lesern sehnten, der Orgeln und Posaunen überdrüssig, das Ende der Trauerwoche herbei; Hausfrauen schwangen Besen und Feudel zu Badischer Musik, die Schiedsrichter legten, neunhundert Sekunden nach Spielbeginn, eine Gedenkpause ein, und selbst in Höfers Frühschoppen-Runde erschienen die Streiter in schwarzem Gewand, niemand wagte zu rauchen, jedermann pries den großen magister et pater, weißte den Schatten (vergessen das Frahm-Wort, vergessen der Handel mit höchstem und zweithöchstem Amt), übertünchte den Makel und nahm so, mit Ausnahme des von Metternich redenden Sandro Paternostro, dem Toten die conditio sine qua non aller Größe.

Strenges Ritual auch im Bundeshaus und Hohen Dom zu Köln, ein Protokoll der Minütchen und Schrittchen, die Choreographie der Eifersüchte, Ränge und Ränken, ein weltlicher Balanceakt im Zeichen des Todes (Wo ist er nun, Geliebte? fragte, in einer rheinischen Routinepredigt, der Kardinal auf der Kanzel), ein wenig makaber für den, der an das Schreckenszeremoniell von Golgatha dachte, aber jenen nicht unangenehm, die, mit Werner Höfers klügster Partnerin, an das unordentliche Ende des Adenauer-Vorgängers dachten.

An Pannen freilich, liebenswerten Pannen auch, war kein Mangel. Dem Kirchenfürsten entfiel der Name des Urlaubs-Domizils in südlichen Breiten (er behalf sich mit einer Phantasievokabel italienischen Klanges), und statt „nicht katholisch“ sagte der Arme „nicht christlich“, ein Freudsches Versprechen, das an diesem Tag für viele andere stand. Der Präsident zum Beispiel ernannte seinen gallischen confrere zum General-Präsidenten und lüftete anschließend, hilfesuchend zum Kanzler hinblickend, bei Haydns Melodie das Gesäß um vierzig Zentimeter, nahm aber wieder Platz und stand erst endgültig auf, als ein paar entschlossene Gesellen aus den hinteren Reihen ihren Willen kundgetan hatten, Franz, dem Kaiser, stehend Reverenz zu erweisen – und was schließlich den amerikanischen Botschafter angeht, so behielt er beim Empfang seines Präsidenten als einziger Mann den Hut auf dem Kopf. Nun, das alles wäre so wenig tragisch wie die tolldreiste Selbstreklame der ARD am Programmschluß, dieses Satyrspiel unsere Leute haben doch saubere Arbeit geleistet, und das war gar nicht so einfach nach der Tragödie mit Fegefeuer-Beschwörung und Verkitschung des großen Bach, Johann Sebastian, gewesen, wenn die Reden etwas mehr Niveau gehabt hätten ... doch wohin man auch sah, ein Cicero oder ein Berthold befand sich unter den Trauernden nicht. Wieder überkam die stilistisch sowenig Geübten das wilde Verlangen, Metaphern zu bilden, wieder versuchten sich Laien (unmerklich schüttelte Jacques Benigne de Gaulle seinen Graukopf) in der schwierigen Kunst, das Abstrakte mit Hilfe von verbalen Stützen zu versinnlichen: Da hielt die Zeit den Atem an, da begann die Nachricht zu laufen, da schlug die Demokratie ihre Wurzeln. Phrasen vom Präsidenten, Redlichkeiten vom Kanzler, der sich abermals als Ausgezeichneten, als Empfänger Seines Letzten Willens vorstellte, Mittelmäßiges selbst von Eugen Gerstenmaier, der trotz furiosen Beginns (in Frieden ist er von uns gegangen) und eines leuchtenden Bibel-Zitats schnell ins Apologetisch-Allgemeine verfiel und zu allem Überfluß auch noch (und dies mit Oberkirchenrat-Pathos) lyrisch zu werden begann: Der blühende Garten warf Blütenduft ins Sterbezimmer hinein...

Nein, auf der Höhe waren nicht die Redner und nicht die Reporter (Die Großen der Welt haben sich eingereiht in die Trauer des deutschen Volkes – das war peinlich wie das Gerede eines Kommentators, der den Toten ständig fahren ließ und nicht erkannte, an welchem Punkt der Takt die Verwendung des Passivs verlangt), auf der Höhe waren oft nur die Kameraleute. Meisterlich, wie sie de Gaulle und Johnson zeigten, als der Bundestagspräsident des Verewigten Versöhnungswerk pries (doch der zwischen den Rivalen sitzende Herr war nicht Bismarck, und Bonn nicht Berlin), elegant der Schwenk auf Joseph Kardinal Frings in der gleichen Sekunde, da Gerstenmaier von des frommen Adenauer Skepsis-Qualen sprach (im Dom später hörten wir’s anders, da wurde die Selbstverständlichkeit des Kirchgänger-Glaubens zum Beispiel erhoben), und wahrhaft ingeniös schließlich war es, während der Kanzler-Meditation über das lateinische Adjektiv pius das Gesicht Carlo Schmids aufleuchten zu lassen. Wer anders als der Römer aus Perpignan, mag sich, ein arbiter elegantiarum, der Regisseur gedacht haben, wer anders als er wird die Richtigkeit der Kanzler-These beurteilen können?

Einen Orden für die Bildregie, sie machte nicht nur manche Fehler der Redenden wett, sondern schärfte bisweilen sogar den kritischen Sinn des Betrachters und gab – selbstironisch? – der Pose von Ideologen so gut wie der Sentimentalität geschäftiger Arrangeure Ansehnlichkeit.

Momos