Eine Karl-Valentin-Retrospektive veranstaltete das österreichische Filmmuseum Wien als Beitrag zur Wiener „Festwoche des heiteren Films“ – da Valentins Komik alles andere als heiter ist, nahmen sich seine Familie allerdings als rechte Fremdkörper zwischen den lustig-belanglosen Filmen der Viennale aus.

Max Ophüls rechnete Karl Valentins Stücke zur Weltliteratur, und Bertolt Brecht, einstmals sein Mitspieler und Schüler, nannte sein „Christbaumbrettl“ ein dramatisches Produkt von Rang.

Weniger bekannt sind seine Filme. Einige davon sind, zu abendfüllenden Programmen zusammengestellt, bis heute im Verleih unter den Titeln „Unsterblicher Valentin“ und „Valentins Lachkabinett“, wenn sie auch kaum aus Bayern hinausgekommen sein dürften. Sie enthalten einige seiner erfolgreichsten Szenen, aufgezeichnet in den dreißiger Jahren: „Orchesterprobe“, den „Verhexten. Scheinwerfer“, den „Theaterbesuch“, den „Firmling“ und „Im Schallplattenladen“. Die anderen wären selbst Interessenten verborgen, bis jetzt in den Filmlagern gern ausgegraben wurde, was zu finden war. Die Wiener Retrospektive zeigte sechzehn Filme und vermittelte dem, der Valentin nicht mehr auf der Bühne erlebt hat, zum erstenmal ein umfassendes Bild seiner gestischen Komik.

Eine ungetrübte Freude sind diese Filme freilich nicht. Es fehlten in Deutschland damals (wie heute) die Handwerker des Films, die in Amerika bei Chaplin, bei Buster Keaton und bei den Marx Brothers garantierten, daß die Kamera am Gegenstand blieb. Den Regisseuren, denen Valentin nichtsahnend in die Hände fiel und deren Aufgabe lediglich gewesen wäre, ihn abzufilmen, gelingt es, ständig durch die unsinnigsten Eskapaden der Kamera und des Schnitts aufzufallen. Einem, anderen Irrtum sind jene Regisseure verfallen, die Valentin eine lustige Rolle in einem Spielfilm nach fremden Ideen übertrugen; immerhin beweisen sie, daß Valentins Komik vom Volkshumor der bayerischen Filmproduzenten prinzipiell unterschieden ist.

In diesen seichten deutschen Lustspielen wie „Donner, Blitz und Sonnenschein“ und „Es knallt“, zwischen herablassender Volkstümlichkeit und falschen Dialogen bewegt sich Karl Valentin, als käme er aus einem anderen Stick: mit eigenen Dialogen, eigenem Verhalten. Max Ophüls, in dessen Verfilmung der „Verkauften Braut“ Karl Valentin und Lisi Karlstadt das Zirkusdirektorsehepaar Brumme spielten und der der einzige unter seinen Regisseuren war, der das Wesen seiner Komik erkannte, berichtet in seiner Autobiographie, daß Valentin unfähig war, Dialoge auswendig zu lernen. Die Szene mußte ihm erklärt werden, dann spielte er sie nach seiner Auffassung, ganz ernst und komisch.

Valentin hatte eine unglückliche Neigung zur Musik und zum Pathetischen, das er mit seiner dürren Figur und seiner verqueren Art natürlich nicht ausfüllen konnte. Er hatte mehr Talent, alles schön falsch als schön richtig zu machen. Wie sehr im übrigen ganz unfreiwillig seine private Existenz und seine aberwitzigsten Einfälle verknüpft waren, zeigt eine Anekdote. Auf die Frage eines Kollegen, wie weit er mit seinem neuen Stück sei, soll er geantwortet haben, er habe erst den Titel vergessen. Diese wunderbare Fehlleistung sagt alles über die Dialektik von richtiger und falscher Formulierung, von freiwilliger und unfreiwilliger Komik bei Valentin. Es ist bezeichnend, daß keine seiner Masken ihn wirklich verwandelte, unter den langen angepappten Nasen, unter Perücken, unterm Arbeitsanzug wie unterm Gehrock blieb er immer Karl Valentin. H. L.