Von Werner Richter

Michael Freund: Das Drama der 99 Tage. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin.

Auf mehr als vierhundert Seiten hat Michael Freund die Krankheit und den Tod Friedrichs III., des zweiten Kaisers aus dem Hause Hohenzollern, geschildert. Da diesem als Heerführer zum Nationalheros geworden, von gutwilligem Ehrgeiz erfüllten Fürsten nur eine Regierung von neunundneunzig Tagen vergönnt war, reichen jedoch von ihr keinerlei Folgen mehr bis ins Jetzt. Sein Lebensweg, ein geisterhaftes Vorüberschweben eigentlich nur, ist für die deutsche Geschichte ein ebenso erledigtes Kapitel wie beispielsweise derjenige Konradins von Hohenstaufen. Höchstens ließe sich sagen, daß, so wie mit Konradin das Hohenstaufenreich endgültig versank, mit dem Tode Friedrichs III. das Ende des Bismarckreichs sich anzukündigen begann.

1887, noch als Kronprinz, war er an Kehlkopfkrebs erkrankt und mußte, beim damaligen Stand der Medizin, als verlorener Mann gelten. Die Ursachen des Krebses waren damals ebenso unbekannt wie sie es heute noch sind; gewaltig angewachsen aber sind in der Zwischenzeit von acht Jahrzehnten die Möglichkeiten der Krebsbekämpfung. Die Laryngologie von 1887 stand so gut wie waffenlos der Krankheit gegenüber, ohne Röntgenologie, ohne die Wunder der Strahlenbehandlung, mit vergleichsweise groben chirurgischem Instrumentarium, mit gerade erst tastender Antisepsis. Die ärztliche Behandlung mußte sich daher auf chirurgische Entfernung des Kehlkopfes beschränken, wobei die Sterbefälle so zahlreich waren, daß die Statistiken bereits Patienten „geheilt“ nannten, die die Operation um etwa ein Jahr überlebten, wenn auch in so bejammernswertem Zustand, daß sie ausnahmslos sagten, man hätte sie lieber sterben lassen sollen. Demgegenüber muß befremden, daß Michael Freund wiederholt von der Möglichkeit einer vollkommenen Heilung Friedrichs spricht, als ob es sich um irgendeine Harmlosigkeit, etwa eine Mandelentzündung gehandelt hätte. Tatsächlich ist es vollkommen unzutreffend, daß 1887 die chirurgische Behandlung dem Kronprinzen „für lange Jahre Gesundheit, die Möglichkeit eines tätigen politischen Lebens hätte geben können“.

Vor allem aber ging es ja hier nicht um einen banalen Krankheitsfall, der nach trauriger Routine zu erledigen gewesen wäre, sondern um ein Politikum ersten Ranges, um die Frage, ob der Erbe des in Mitteleuropa neu etablierten gewaltigen deutschen Staates seine Thronbesteigung noch erleben würde oder ob die Macht der wuchernden Krebszellen größer sein würde. Dort, wo man an seine Genesung glaubte, stritt man darüber, ob er ein liberaler, englandfreundlicher oder ein konservativer russophiler Kaiser werden würde; dort, wo man über die medizinische Situation besser Bescheid wußte, hatte man für derart gegenstandslose Diskussionen nur ein wehmütiges Lächeln.

Dort gerade aber, wo man am ehesten Klärung hätte erwarten dürfen, bei den behandelnden Ärzten, stieß man ins Zentrum der Verwirrungen. Die Ärzte des preußischen Hofes waren fast durchweg Militärmediziner, Veteranen zudem eines gloriosen Krieges und daher von verständlichem Selbstbewußtsein erfüllt. So wie die preußische Diplomatie ans Schwert zu schlagen liebte, appellierte die preußische Chirurgie gern ans Skalpell. Ihre Behandlung des Kehlkopfkrebses bestand darin, dem narkotisierten Patienten den Kehlkopf herauszuschneiden und ihn dann, falls er noch lebte, seinem trüben Schicksal zu überlassen. Genauso beabsichtigten sie mit Friedrich zu verfahren, und zwar, ohne ihn über ihre Absichten vorher zu unterrichten. Die Operation war bereits für den 21. Mai 1887 angesetzt, Zimmer im Kronprinzenpalais waren dafür hergerichtet, als Bismarck, halb zufällig davon erfuhr. Empört über die Behandlung, die dem Thronerben zugedacht war, eilte er zu Wilhelm I. und erreichte bei ihm ein Verbot jeglichen chirurgischen Eingriffs, ehe nicht die Sachlage weiter geklärt und von einer ausländischen Autorität begutachtet worden sei.

Doch waren die einheimischen Mediziner bereits von sich aus übereingekommen, einen Ausländer heranzuziehen, in der Meinung freilich, auch er werde ihre Krebsdiagnose nur bestätigen können. Ihre Wahl fiel auf den Londoner Laryngologen Mackenzie, dessen Zuverlässigkeit als Diagnostiker nirgends in der medizinischen Welt bestritten wurde. Von ihm stammte auch das erste laryngologische Standardwerk „Diseases of the Throat and the Nose“. Mackenzie wurde also nicht, wie immer wieder behauptet wird – auch von Freund – durch die Kronprinzessin nach Berlin berufen, sondern durch zuständige Berliner Instanzen.