Neue Forschungsergebnisse zerstören alte Legenden

Von Vitus Dröscher

Der Mensch hat ein neues Schreckvisions-Tier bekommen: die Ratte. Der bislang oft angestellte Vergleich totalitär regierter Völker mit den roboterhaft erscheinenden Ameisen- und Termitenstaaten erwies sich als allzu simpel und wurde wohl auch nie so richtig ernst genommen. Seit 1963 präsentiert Professor Konrad Lorenz jenes Nagetier, das für viele der Inbegriff des Widerwärtigen schlechthin ist, als Paradebeispiel für fehlgeleitetes Aggressionsverhalten. Bei Ratte und Mensch führe es gleichermaßen zum kollektiven Kampf einer Gemeinschaft gegen eine andere und damit zu sinnloser Selbstvernichtung. Indessen hat der englische Zoologieprofessor S. A. Barnett Einzelheiten aus dem Gesellschaftsleben und Kampfverhalten der Ratten erforscht, die manch alte, liebgewonnene Legende über unser ungebeten anhängliches Hauskellertier zerstören.

Die Wanderratte habe, so geht die Mär, Europa erst im 18. Jahrhundert im Kampf gegen die körperlich kleinere Hausratte erobert. Im Jahre 1727 soll ein riesiges Wanderrattenheer die Wolga im Mündungsgebiet bei Astrachan schwimmend überquert haben und, den Hunnen gleich, in die westlichen Länder eingefallen sein. Bei den Lemmingen haben Wissenschaftler schon Millionenzüge beobachtet, die 200 Kilometer weit marschiert sind. Auf Ratten trifft solch imposantes Bild jedoch nicht zu. Ihre „Armeen“ sind immer nur Fluchtgemeinschaften und keine Angriffstruppen. Auch laufen sie in der Masse nur kurze Strecken, um sich wieder zu zerstreuen, sobald die Gefahr vorbei ist.

Wahrscheinlich ist das „Invasionsheer“, das damals die Wolga überquerte, vor einem Erdbeben geflohen, das Kasachstan erschütterte. In großen Kolonnen verlassen die Ratten auch ein sinkendes Schiff. Dies Phänomen hat mit mystischer Vorahnung nichts zu tun. Die Nager hausen, ihrem Charakter als Erdhöhlenbewohner entsprechend, in den untersten Räumen des Schiffes, in der für Menschen nahezu unzugänglichen Bilge. Hier spüren sie durch undicht werdende Stellen eindringendes Wasser eher als die Mannschaft. Wenn ihre Nistplätze überspült werden, gibt es nur noch die Flucht vom Schiff. Die Alarmrufe der Fliehenden reißen die anderen Artgenossen mit, und so kommt es zu dem panisch überstürzten Auszug,

Welche Mittel der Rattenfänger von Hameln angewendet hat, wissen wir nicht. Falls die Geschichte überhaupt einen wahren Kern hat, wird er vielleicht die Keller unter Wasser gesetzt oder die Ratten auf andere Weise erschreckt und zur Flucht veranlaßt haben. Das Flötenspiel war sicher nur Beiwerk.

In Feindesland vordringende Rattenarmeen im Sinne unseres Militärs gehören ins Reich der Fabel. Die ursprünglich nur in Nordchina lebende Wanderratte hat sich die Welt auf andere Weise erobert: Im zähen Einzelkampf Haus für Haus, Dorf für Dorf, Stadt für Stadt, hat sie allmählich die Hausratte verdrängt.