Paris‚ Anfang Mai

Die französischen Auslandsbeteiligungen sind viel umfangreicher, als meist angenommen wird. Von den 40 Prozent des Kapitals des führenden amerikanischen Lebensmittelkonzerns Libby, McNeille & Libby, die in schweizerischem, italienischem und französischem Besitz sind, hält ein Viertel das Pariser Kreditinstitut Banque de Paris et des Pays Bas. Die gleiche Bank erwarb vor einiger Zeit auch 20 Prozent des Kapitals der Columbia Pictures Corp., eines der größten Filmproduzenten in den Vereinigten Staaten. Außerdem beteiligte sich die Banque de Paris an dem Frankfurter Bankhaus S. G. Warburg & Co. Auch andere französische Kreditinstitute und Banken haben sich in den letzten Jahren in steigendem Maße an ausländischen Unternehmen beteiligt oder im Ausland mit einheimischen Firmen gemeinsame Tochtergesellschaften gegründet.

Die Aktivität französischer Firmen und Banken im Ausland wird von der Regierung begrüßt und unterstützt. Mit einem kräftigen Goldpolster im Rücken – außer den rund 5 Milliarden Dollar Gold in den offiziellen Währungsreserven hat die Bevölkerung – so schätzt man – Gold im Wert von vier Milliarden Dollar gehortet – und angesichts einer wachsenden Sparneigung der Bevölkerung ist man heute in Paris fast in einer euphorischen Stimmung. „Seit Jahren haben die Amerikaner große Pakete französischer Industrieaktien erworben“, erklärte kürzlich einer der führenden französischen Bankiers, „warum schreien heute die Amerikaner Zeter und Mordio, wenn jetzt einmal die Franzosen Konzernbeteiligungen den USA kaufen?“ Der Präsident von Libby hatte sein Amt niedergelegt, als die starke Auslandsbeteiligung an seinem Konzern bekannt wurde.

Auf nicht weniger als 8 Milliarden Dollar hat Robert Cazes, der Generaldirektor der zweitgrößten französischen Bank, Crédit Lyonnais, die französischen Auslandsinvestitionen geschätzt. Das sind zwar nur 16 Prozent von den etwa 50 Milliarden Dollar, die die Amerikaner heute als Auslandsbeteiligungen haben. Es sind aber immerhin noch mehr als die 5 bis 6 Milliarden Dollar, die die Amerikaner in Frankreich als Beteiligungen halten. Allerdings sind die Schätzungen von Cazes mit Vorsicht zu genießen, denn im allgemeinen liebt man es in Frankreich nicht sehr, finanzielle Angelegenheiten in ein allzu helles Licht zu stellen.

Aber selbst wenn die Schätzung von 8 Milliarden Dollar richtig sein sollte – seit der Jahrhundertwende sind die französischen Interessen im Ausland dennoch arg zusammengeschmolzen. Eine Untersuchung des französischen Außenministeriums aus dem Jahre 1902 weist Auslandsanlagen der französischen Industrie und Finanzwirtschaft von 29 Milliarden Goldfranken – das sind etwa 10 Milliarden heutige Dollar – aus, die bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges – vor allem durch die großen französischen Anleihen an Rußland – auf rund 20 Milliarden Dollar stiegen.

– Vor 1914 galt Frankreich als eine der großen Finanzmächte dieser Welt. In vielen Untersuchungen der damaligen Zeit wird Frankreich nach Großbritannien als zweitgrößtes Kapitalland eingestuft. Das Debakel mit den Rußlandanleihen – die Sowjetunion hat sich stets geweigert, die Verpflichtungen aus diesen Anleihen anzuerkennen – hat die Neigung der Franzosen, Auslandsanleihen zu zeichnen oder ihr Kapital im Ausland zu investieren, stark beeinträchtigt. Nach Angaben der Pariser Association Nationale des Porteurs Français des Valeurs Mobilières, die mit mehr oder weniger Erfolg die französischen Vorkriegsschulden einzutreiben versucht, belaufen sich die französischen Verluste mit Zins und Zinseszins bis heute auf fast 30 Milliarden Goldfranken. Davon entfallen allein fünf Sechstel auf die russischen Vorkriegsanleihen.

Wenn trotz dieser schlechten Erfahrungen der französische Kapitalexport nach den beiden Weltkriegen immer wieder in Gang gekommen ist, so liegt der Grund darin, daß der französische Sparer zwischen dem Risiko fauler Auslandsanlagen und der Geldentwertung im Inland wählen mußte. Frankreich ist das klassische Land des privaten Goldbesitzes – denn viele Menschen hofften, mit dem Goldstück im Sparstrumpf der inländischen Geldentwertung zu entgehen, ohne das Risiko einer Auslandsanlage auf sich nehmen zu müssen.