Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Mai

Ein intensives Quellenstudium läßt die Behauptung zu, daß die sechs Minuten, in denen sich Präsident Johnson und General de Gaulle in einem Salon der Bonner Villa Hammerschmidt mit Dolmetschern gegenüberstanden, etwa so verliefen:

De Gaulle eröffnete nach einigen Begrüßungsworten das Geplänkel mit der Bemerkung: „Seit wir uns das letztemal gesehen haben, hat sich manches in der Welt geändert.“ Johnson: „... nicht wenig davon durch Sie.“ De Gaulle, der die Bemerkung freundlich aufnahm, meinte, man möge seine Rolle nicht überschätzen und fuhr dann fort: „Aber es bleibt das Problem des Friedens.“ Johnson etwas kühler: „Das ist auch unsere Sorge, und es beschäftigt auch unsere Überlegungen.“ De Gaulle stieß daraufhin mit einer etwas härteren Bemerkung nach, vermied es aber wieder, das Wort „Vietnam“ zu gebrauchen.

Johnson wechselte das Thema und sagte einige Worte über das Gespräch, das Vizepräsident Humphrey in Paris mit dem General geführt hatte. De Gaulle: „Ich würde mich freuen, wenn Sie auch nach Frankreich kämen und ich Sie in Versailles begrüßen könnte.“ Er möchte, daß entweder Johnson oder Königin Elizabeth den restaurierten Trianon-Palast in Versailles einweihen. Johnson: „Da Präsident Kennedy noch bei Ihnen in Paris war, würden wir uns auch freuen, wenn Sie nach Washington kämen. Ich höre, Sie reisen im Juli nach Kanada. Vielleicht läßt sich das verbinden.“ De Gaulle machte eine ausweichende Bemerkung: Er werde darüber nachdenken, im übrigen aber ließen sich solche Reisen nur schwer miteinander verbinden.

Damit war das Gespräch im wesentlichen beendet. Es verlief, so heißt eine Interpretation, „wie zwischen zwei wohlerzogenen Leuten, die sich immer wieder sagen werden, man müßte sich doch mal sehen“. Oder, so heißt eine andere: „Wie zwischen zwei Männern, die durch eine zweihundertjährige Familienfreundschaft verbunden sind und auch verbunden bleiben werden, die im Augenblick aber Meinungsverschiedenheiten haben.“ Mußte in diesem Augenblick ein Dritter – Bundespräsident Lübke – vor einem Heer von Photographen versuchen, ihre Hände zueiner Geste der Versöhnung ineinanderzulegen? Die Empfindungen, die dies in Paris auslöste, liegen zwischen „rührend“ und „peinlich“. Aber man entschloß sich, sie schnell wieder zu vergessen.

Die Franzosen wollten den Trauerbesuch in fast demonstrativer Weise von den politischen Tagesfragen trennen, sie konnten aber zwei Überlegungen nicht ausweichen: der Frage, wie man auf die englische Kandidatur zum Gemeinsamen Markt reagieren sollte, die Premierminister Wilson während des Trauertages gesprächsweise ankündigte; und der Frage, welchen Zweck Johnson mit der diplomatischen Geschäftigkeit in Bonn verfolgte. War es etwa ein amerikanischer Versuch, den „gaullistischen Einfluß in Bonn“ einzudämmen?