Von Christian Gneuss

Sogenannte Ost-West-Gespräche sind seit langern keine Sensationen mehr, in der das Zeitalter des Kalten Krieges ablösenden Ära der Koexistenz gehören sie fast so sehr zum täglichen Brot wie dereinst die „Begegnungen“ der sogenannten Sozialpartner in Evangelischen Akademien und an verwandten Stätten. Man sollte darüber freilich nicht vergessen, daß es Institutionen gegeben hat, die lange vor der Aufweichung der ideologischen Fronten sich bemühten, wenn schon nicht die Politiker, so doch die Literaten aus Ost und West beim Gespräch zu versammeln.

Mit spektakulärem Erfolg versucht das seit 1961 die „österreichische Gesellschaft für Literatur“. Ihr Gründer und Leiter Wolfgang Kraus hatte schon damals das richtige Gespür: Der noch immer von kakanischen Reminiszenzen durchtränkte Boden der neutralen zweiten Republik Österreich ist ein für solche Unternehmen ganz besonders geeigneter Ort.

So lud er Autoren und Kritiker aus Ost- und Südeuropa zu Lesungen und Vorträgen in die alte Hauptstadt der Donaumonarchie ein, veranstaltete 1965 gleich zwei große Ost-West-Kolloquien zum Thema „Theater der Gegenwart – Gegenwart des Theaters“ und „Unser Jahrhundert und sein Roman“. Das dritte über „Literatur als Tradition und Revolution“ sollte schon im Herbst 1966 über die Bühne gehen; damals aber führte die rein zufällige Nähe zum 10. Jahrestag des antistalinistischen Aufstandes in Ungarn zu Verwicklungen, das Thema „Revolution“, wenn auch nur in der Literatur, erschien den Ungarn auf einmal zu heikel, sie sagten ab, und die übrigen Eingeladenen aus den anderen Ostblockstaaten mußten sich ihnen nolens volens anschließen.

Also verlegte man den Termin aufs Frühjahr 1967, diesmal aber fehlten die Tschechen, Slowaken und die Rumänen; private und nicht offizielle Verärgerung soll in beiden Fällen der Grund sein – hoffentlich stimmt diese Version, die man unter der Hand in Wien erfuhr. Immerhin, diese Absagen warfen, wie man zu sagen pflegt, keinen Schatten auf den Verlauf der Debatten. Schon längst sind die Unternehmungen des Doktor Kraus ja keine Ost-West-Gespräche mehr; schon beim ersten Kolloquium war die Vorliebe der Tschechen fürs absurde Theater so offenkundig, daß sie westlichen Brechtianern gelindes Entsetzen einjagte, und beim zweiten verteidigten Polen den nouveau roman so vehement, daß ältere Herren aus dem Westen nur noch die Köpfe schütteln konnten. Ähnlich war es diesmal, mit dem Unterschied nur, daß auch die Russen, zumindest einer von ihnen, der Professor für Germanistik an der Pädagogischen Hochschule Leningrad, Efim Ezkind, die Flagge des Sozialistischen Realismus eingerollt ließen.

Noch im Herbst 1965 hatte Ladislav Mnacko aus Preßburg den Sozialistischen Realismus als „reaktionäre Huldigungskunst“ attackieren müssen, weil Georgij Bondarew aus Rußland den entleerten Begriff – „auch Kafka war Realist“ – verzweifelt zu retten versuchte. Nichts davon heute, jetzt stritt man sich über andere Dinge.

Zunächst einmal über Avantgarde. Wolfgang Kraus hatte nämlich, um das Gespräch in Gang zu bringen, einige Thesen formuliert, die sich ein wenig seltsam ausnahmen. Da war an reichlich akademisch formulierten Fragen kein Mangel: Die Avantgarde als in sich geschlossener Zyklus (zweite Hälfte des vergangenen bis erste Hälfte unseres Jahrhunderts) – oder als ständige Erneuerung. – Die Klassik als alleingültige Tradition oder als dialektische These zu einer antiklassischen Tradition der Avantgarde. – Konformismus der Klassik – Konformismus der Avantgarde. – Das Aufkommen einer kritischen Haltung gegenüber der Avantgarde und ihrem Nihilismus in den Reihen ihrer eigenen Parteigänger. – Die Kritik an der Avantgarde als neuer Snobismus oder als produktive Besinnung,