Der lebensnotwendige Sauerstoff, in der normalen Atemluft zu etwa 20 Prozent enthalten, kann sich bei falscher oder fahrlässiger Anwendung als tödliches Gift erweisen.

Dr. Philip C. Pratt der Sprecher einer Forschergruppe der Universität von Ohio, berichtete auf einer Tagung amerikanischer Pathologen und Bakteriologen über die Ergebnisse seiner Untersuchungen an Ratten. Danach scheint der Sauerstoff immer dann am gefährlichsten zu wirken, wenn er ähnlich wie bei manchen klinischen Behandlungen in aufeinanderfolgenden Stufen zunehmender Konzentration gegeben wird. Die untersuchten Tiere würden nämlich jeweils vier Tage lang einer Atmosphäre mit nacheinander 20, 40 und 60 Prozent Sauerstoff ausgesetzt. Sie starben ohne Ausnahme. Als Todesursache stellten die Forscher Veränderungen der Lungenalveolen fest. Durch die Wände dieser kleinen Lungenbläschen findet der Übertritt des Sauerstoffes in das Blut statt. Wird nun Sauerstoff in der geschilderten Art gegeben, so tritt eine Veränderung des Lungengewebes ein: Die Wände der Alveolen verdicken sich und werden undurchlässig.

Die Wissenschaftler hatten ihre Untersuchungen begonnen, nachdem sie verändertes Lungengewebe bei verstorbenen Patienten gefunden hatten, die mit Sauerstoff behandelt worden waren. Die gewebsverändernde Wirkung des Sauerstoffs war seit längerer Zeit bekannt. Nach Ansicht von Dr. Pratt ist aber durch die Ergebnisse seiner Gruppe erstmalig der Nachweis erbracht worden, daß Sauerstoff auch in klinischen Dosen als Gift wirken kann. ng