Für eine deutsche Premiere sorgte am letzten Wochenende eine Gruppe von fünfzig jungen Politologen höherer Semester. Die Uraufführung fand in den Seminarräumen des Berliner Otto-Suhr-Institutes statt. Als Repräsentanten von zehn Regierungen mit imaginären Namen absolvierten sie ein Planspiel zur Theorie der internationalen Beziehungen.

Handel mit Sigma? Hilfe an Beta? Nukleare Angriffswaffen oder Anti-Raketen-Raketen? Die Staatenkonstellation entsprach annähernd der Nahostregion. Die Aufgabe dieser Inter Nation Simultation lautete: Können, angesichts des atomaren Patts, Rivalitäten in der Dritten Welt zu einem großen Konflikt führen?

Eine programmgesteuerte Rechenanlage lieferte jeder Nation für jede Spielperiode die Daten für die Entscheidungsfreiheit der Regierenden (Diktatur oder Anarchie), für den Konsensus der Regierten (Revolutionsgefahr oder Wahlsieg) und für die außenpolitischen Mittel (Kapitalexport, Nahrungsmittelbereitstellung, Waffenlieferungen).

Zunächst gab es Pannen über Pannen. Eine Industrienation verschenkte Zweidrittel ihrer Kapitalausstattung an Entwicklungsländer. Ein konventionell hochgerüsteter atomarer Habenichts kalkulierte falsche Kosten für den Aufbau nuklearer Streitkräfte. Einer der Großen vergaß, die Abschreibungskosten für die Streitkräfte, sc daß die – angesichts steigender Zivilschutzausgaben der Rivalen – beabsichtigte Steigerung des Rüstungspotentials nicht einmal ausreichte, das bestehende Niveau zu halten.

Die Rechenfehler korrigierte der Elektronenrechner. Die politischen Fehlentscheidungen zwangen indessen dazu, nicht nur, wie geplant, nach der ersten sondern auch nach der zweiten der jeweils auf drei Monate angelegten und gut zwei Stunden dauernden Spielperioden neu zu beginnen. Am Sonntagmorgen endlich war das System in füll swing.

Im Seminarraum D, dem Entscheidungszentrum einer nuklearen totalitären Supermacht: An der Wandtafel sind die geographischen und machtpolitischen Konstellationen skizziert, daneben Formeln zur Umrechnung von Domestic Consumption in Decision Latitude, Parameter zur Bestimmung von Basic Capabilities und Overall Validator Satisfaction. Kuriere bringen Botschaften; Vertragsentwürfe werden entsandt. Der Central Decision Maker bespricht mit seinem Außenminister Leitlinien für eine Konferenz, die von der internationalen Organisation einberufen wurde und die mit der geplanten „Großen proletarischen Solidaritätskonferenz“ konkurriert. Der Finanzexperte meldet, daß die Kapitalhilfe zugunsten von Konsumgüterexporten eingeschränkt werden sollte. Ein anderer Beamter beschwert sich in einem Interview über die falsche Berichterstattung durch die „kapitalistische Monopölpresse“.

Zum Schluß des Berliner Planspiels meinte Professor Chadwick F. Alger, Direktor des International Relation Program der Northwestern University (Chikago) und einer der geistigen Väter der im Teamwork entwickelten Inter Nation Simultation: Solche Experimente könnten aus einer Sackgasse der Forschung herausführen. Gerade weil der Forschung im Bereich der internationalen Politik nicht alle Daten zugänglich sind, ist die Simulationstechnik eine notwendige Ergänzung für das bloße Sammeln von Fakten. Sie ermöglicht das Testen mehrerer Alternativen für die Zukunft und erlaubt ein „Wiederholen“ vergangener Ereignisse.