Wer hat das erwartet? Kaum haben sich in Griechenland die Obristen als politische Chefs etabliert, Kräfte, die sich gern „Ordnungsfaktoren“ nennen, kaum haben die Griechen und die Bürger in aller Welt ihre Ohren gespitzt, weil doch nun bedeutende Verordnungen, Regelungen, Gesetze zu erwarten sind, die uns unterrichten, auf welche Weise die Hellenen die nächsten Schritte in ihre problematische Zukunft tun und in welchem Stil die neuen Herren regieren wollen und wes Geistes sie sind, da kommen die Meldungen aus Athen: Die jungen Griechen sollen sauber gewaschen sein, die Haare kurz tragen und sie dazu noch kämmen. Und die jungen Griechinnen sollen die Mini-Röcke ausziehen und „anständig gekleidet“ gehen. Wer hätte das erwartet?

Ich nicht. Ich hatte von dem uns so teuren und vertrauten Volk der Hellenen niemals angenommen, daß in ihm „Ordnungskräfte“ aufkommen könnten, die, noch ehe sie sich daran machen, die politische Unordnung zu beseitigen, den Mädchen auf die Beine sehen. Und das noch mißbilligend. Und wenn es sich denn schon hauptsächlich um jüngere Obersten und nicht um alte Generäle handelte, die jetzt das attische Heft in der Hand haben – wie kommt es bloß, daß sie, wenn sie schon in private Sachen eingreifen, die Bestimmung treffen, die Mädchen sollten ihre Beine mehr verstecken?

In der Pressekonferenz des Innenministeriums wurde der Regierungssprecher gefragt: „Ist Ihr Regime faschistisch?“ – „Nein, es ist ein nationales Regime!“

Nun gut, welche Regierung würde heute gern zugeben, daß sie faschistisch sei; dies Wort ist ja seit mindestens zwei Jahrzehnten in Verruf. Der Ausdruck „national“ bietet sich da besser an. Schon wird im Athener Radioprogramm viel Folklore gesendet, Volkslieder, alte Tanzweisen, Früchte von „Blut und Boden“. Aber daß so schnell der Satz folgen würde: „Hier ist kein Platz mehr für ...“, das hätte ich nicht geglaubt. Der Satz ist klassisch. Er heißt: „Für Beatles und Beatmusik, für die ausländischen Früchte des Teddytums ist kein Platz mehr in Griechenland.“ Unterschrieben: Der Innenminister und der Erziehungsminister.

Man ist „national“, lehnt die „ausländischen Früchte“ ab, und schon die alten Griechen haben uns das Wort dafür geschenkt: Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit. Die Fremden sind dumm und verstehen nichts.

Also bemühe ich mich, die Sache mit griechischen Augen zu begucken. Und was seh’ ich? Die Spartaner haben sich aufgemacht, und die Hopliten haben Athen besiegt. Und da marschieren sie, handfeste Männer vom Lande, durch die verweichlichte Stadt, die Kapitale der Händler, Geschäftemacher, Schiffseigner, Koofmichs. Wer ist Denosthenes? Ein Parlamentsschwätzer! Wer Sokrates? Ein Trunkenbold!

Kommando: Haare kurz! Röcke lang! Und für Aspasia ist erst recht kein Platz mehr in Griechenland.