Von Georg Rosenstock

Sean O’Caseys Stücke, meinte ich, könnte man noch nicht einmal in England, geschweige denn in Deutschland spielen. Seitdem, konnte ich eine Aufführung in Ostberlin erleben. Sie straft mich Lügen. Die Posse „Purpurstaub“ kann sich nun gewiß nicht mit den großen Tragikomödien „The Plough and the Star“ oder „Juno and the Paycock“ messen, und man hätte schon ein Auge zudrücken dürfen, wäre die Sache, dem Berliner Ensemble mißraten. Doch es mutet fast wie ein Wunder an: Die deutsche Aufführung stimmte haargenau. Sogar das Dubliner Publikum, und es ist bekanntlich das strengste in der Theaterwelt, hätte geklatscht. Woran liegt’s? Gibt es in der DDR bessere Schauspieler? Pässen die „proletarischen“ Stücke des Iren besser ins Alltagsmilieu der Ostberliner? Geht man dort mit größerer Liebe und Mühe an die Arbeit, weil man sich mit dem Autor solidarisch fühlt? Oder hat etwa die Witwe des Dichters, die sich hin und wieder nach Ostberlin einladen läßt, ihre Finger im Spiel gehabt?

Es gibt eine plausiblere Erklärung. Die vollständige Autobiographie O’Caseys steht den Nachbarn bereits seit acht Jahren zur Verfügung. Paul List in Leipzig brachte sie heraus. Man konnte sich mit O’Casey und der irischen Mentalität eingehend beschäftigen. Der jetzt auch bei uns vorliegende zweite Band der ratenweise erscheinenden Autobiographie –

Sean O’Casey: „Bilder in der Vorhalle“, aus dem Englischen von Georg Goyert; Diogenes Verlag, Zürich; 304 S., 21,80 DM

– bringt vielleicht nicht die interessantesten Kapitel der im Romanstil (in der dritten Person) geschriebenen Autobiographie. Die Bücher, die folgen werden, sind literarisch ertragreicher: seine Begegnung mit dem großen Yeats, seine tragische Haß-Liebe zu dem vornehmen, arroganten Lyriker, seine Beziehung zur „keltischen Romantik“, die mit Lady Gregory am Abbey-Theater ihre Wiederauferstehung feierte, und dann seine ersten Theatererfolge, Theaterskandale. Auch der nächste Band auf der Liste, „Drums under the Window ist schon allein seiner historischen Fakten wegen – er spielt um die Zeit des irischen Aufstandes im Jahre 1916 – unentbehrliche Lektüre, um den Tenor seiner Satiren richtig abstimmen und reproduzieren zu können. Man muß O’Caseys Erlebnisse und Erfahrungen kennenlernen, seine verlorenen Illusionen, und sich in den Geisteszustand des enttäuschten Idealisten versetzen, erst dann kann man die hintergründige Schwermut, heraushören.

Das Zeitgemälde dieser für Irlands und O’Caseys Zukunft so ausschlaggebenden Jahre der Revolution wird, in den „Bildern in der Vorhalle“ bereits vorbereitet. Aus der Perspektive des heranwachsenden, hellwachen Johnny Casside (sprich: Cässidi), wie O’Casey sich in seiner Romanverkleidung nennt, wird das Zeitbild in vielen kleinen Skizzen zusammengetragen. Johnny stellt Fragen, aber die Antworten, die er erhält, sind voller Widersprüche.

Beim Besuch des Gefängnisses, das irische Rebellen beherbergt, sprechen sein Onkel und er mit dem Gefängniswärter, einem Iren, der als britischer Soldat am Krimkrieg teilgenommen und Auszeichnungen erhalten hatte. Einer seiner Söhne jedoch, irischer Nationalist und Rebell, muß wegen illegaler politischer Betätigung drei Jahre sitzen. Der Wärter ist stolz auf seinen Sohn, gesteht er im Vertrauen den beiden Besuchern ein, darf es natürlich nicht zugeben und sitzt, wie so viele andere seinesgleichen, zwischen zwei Stühlen. Die noch unterschwellig gärende Unruhe um die Jahrhundertwende wird im Bewußtsein des Knaben registriert, aber sie ist noch nicht definierbar. Bei dem einen ist es das Kreuz Christi (bei den Katholiken, die sich gegen die britischen Protestanten auflehnen), bei dem anderen die Harfe Irlands (wie bei dem Dichter Padraic Pearse, dem späteren Anführer des Osteraufstandes von 1916), und bei anderen wiederum ist es der Sozialismus (bei dem Gewerkschaftler und Führer der militanten sozialistischen Arbeiterbewegung: Connelly).