Bonn, Anfang Mai

Präsident Johnson hat den angenehmen Eindruck seines Gesprächs mit dem Bundeskanzler durch einen herzlichen Brief an Kiesinger demonstrativ hervorgehoben. Johnson und Kiesinger waren nur beiläufig auf Einzelheiten der erörterten Fragen eingegangen – Atomsperrvertrag, Truppenabzug, Kennedy-Runde und internationale Währungsprobleme. Zu einem Sachgespräch hätte es der Anwesenheit von Experten bedurft.

Schon gegenüber dem US-Vizepräsidenten Humphrey und dem amerikanischen Abrüstungsdelegierten Foster hatte der Kanzler klar zu machen versucht, wie schwer für Bonn die amerikanische Entspannungspolitik gegenüber der Sowjetunion wegen des diplomatischen und publizistischen Nebels, der über ihr liege, zu verstehen sei.

Vor allem Humphreys Bericht über sein Gespräch mit Kiesinger scheint Präsident Johnson zu einer Änderung der bisherigen Gewohnheiten bewogen zu haben. Der deutsche Botschafter Schnippenkötter und seine Delegation verhandelten in Washington vier Tage ohne den geringsten Erfolg über den Sperrvertrag. Am fünften Tage war die Szene dann plötzlich verwandelt. Die Amerikaner machten von den Deutschen kaum noch erhoffte Zugeständnisse: bei der Kontrolle und der rechtlichen Garantie für die friedliche Atomnutzung sowie in anderen, wenn auch teilweise weniger wichtigeren Fragen. Dieser Positionswechsel war offenbar die Folge des Berichts, den Humphrey dem Weißen Haus gegeben hatte.

Bei dem Gespräch im Kanzler-Bungalow sagte Präsident Johnson eine intensivere Zusammenarbeit, vor allem rechtzeitige Konsultationen zu, also Fühlungnahme zu einem Zeitpunkt, in dem noch ein deutscher Einfluß auf amerikanische Absichten möglich ist.

Sicherlich ist sich Kiesinger der Manipulierfähigkeit solcher Zusagen bewußt. In der Kontrollfrage des Sperrvertrags konnten die USA ohne weiteres entgegenkommen, denn an ihr ist die Sowjetunion wenig interessiert. Viel schwieriger wird es für Washington, wenn eine Revisionsmöglichkeit für den Vertrag gegenüber der Sowjetunion durchgesetzt werden soll.

Die Konsultation auf heiklen Gebieten, wo sich amerikanische und deutsche Interessen nicht decken, sondern eher auseinandergehen, wird immer problematisch sein. Die Richtlinien seiner globalen Politik bestimmt Washington allein. Es nimmt nur bedingt auf deutsche Interessen Rücksicht. Johnson hat aber wohl erkannt, daß er in diesem großen politischen Spiel den schwächeren, jedoch auch für ihn nicht unwichtigen Partner, nämlich die Bundesrepublik pfleglicher behandeln muß als bisher. Er wird den Kanzler als einen Mann kennengelernt haben, der nicht so leicht gefügig zu machen ist wie Erhard es war. Robert Strobel