Von Heinrich Böll

Am 28. April starb, 60 Jahre alt, in Köln Dr. Joseph Caspar Witsch, der Inhaber und Leiter des Verlages Kiepenheuer & Witsch

Der Tod, der die Zeit aussetzt, sprang ihn dreimal heftig an, dreimal vergebens; erst beim vierten Mal, in der tödlichsten aller Verkleidungen, als sanftmütiger Freund, erlag ihm Joseph Caspar Witsch, für den er die Zeit aussetzte.

Witsch lebte, wie wir alle leben, in der Täuschung, diese Handvoll Zeit, die uns zugemessen ist, nicht mehr als die Handvoll Staub, aus der wir gemacht sind, diese Handvoll Zeit lasse sich vermehren, sie lasse sich überholen, sparen und gewinnen, vervielfachen, die Zeit; er war nicht der Mann, der auf die Zeit wartete, sich Zeit ließ oder sich der Zeit; er war hinter ihr her, sie hinter ihm.

Natürlich: Er war gewarnt, sich Zeit zu lassen, aber gewarnt sind wir alle vom Tage der Geburt an, doch keiner nimmt die Warnung ernst; es wäre auch kaschierter Tod, wenn wir uns ernsthaft warnen ließen; versäumte Zeit, verlorene Zeit, verfaulte Zeit, wenn einer da in der Ecke sitzt und lauernd den Tod zu überlisten glaubt, indem er scheinbar Zeit gewinnt. Schlaft nicht, schlaft nicht, hat die große Therese gesagt, es gibt keinen Frieden auf Erden. Es ist etwas auszurichten auf dieser Erde.

Witsch war keiner von den Stillen im Lande, die auf ihre Stunde warten, welche dann nicht kommt; es muß einer hinter der Zeit her, sie hinter einem her sein, Zeitgenosse muß einer sein, Witsch war es auf leidenschaftliche Weise.

Er hatte keine Provinz ererbt, war keiner Provinz ernannter Statthalter, er wollte sich eine erobern, und als er eine schöne kleine Provinz erobert hatte, sprang ihn der Tod zum erstenmal an, vergebens; als er eine größere Provinz erobert hatte, sprang der Tod ihn zweimal hintereinander an, heftig, wild und zweimal vergebens. Er schlug ihn nieder, zähmte ihn, und Witsch wurde, wozu er nicht gemacht zu sein schien und was ihn doch zu sich selbst brachte: weise wurde er, zeitverloren und fromm; es wurde eine Eigenschaft sichtbar, die sich im Mann, im Eroberer, dem Zeitgenossen verborgen hatte, die nur gelegentlich angeklungen war, seine Kindlichkeit; ja, er war kindlich, seine Feindschaften, seine Freundschaften, seine Ungerechtigkeiten waren die eines Kindes.