Chancengleichheit und schärfste Auslese lassen sich gut miteinander vereinbaren

Von Hildegard Hamm-Brücher

Man sagt, die Franzosen seien ein besonders gebildetes und kultiviertes Volk. Sie sind auch ein sehr modernes. Damit meine ich nicht so sehr die Fassaden neuer Universitäten und Schulen – die auch beeindrucken können –, nicht den technischen und wissenschaftlichen Fortschritt, der beachtlich ist – damit meine ich ihre wohltuende Gabe, die oft bestürzenden Aspekte unseres zweiten Jahrtausends geistig zu verarbeiten, ohne dabei ihr sprichwörtliches Kulturbewußtsein, ihren Schönheitssinn und ihr Lebensgefühl zu verlieren.

Dafür mag eine Molière-Aufführung (in der traditionsbeladenen Comédie Française), die vor den Kulissen eines Zukunftsromans spielte, ebenso charakteristisch sein wie die unnachahmliche Jazz-Variation klassischer Musik, beispielsweise im „Play-Bach“ des Jacques Loussier.

Auf die Bildungspolitik übertragen, ist es die Selbstverständlichkeit, mit der technische, naturwissenschaftliche und ökonomische Disziplinen in dem humanistisch-geisteswissenschaftlich geprägten Bildungsbewußtsein der Franzosen ihren Platz gefunden haben.

Niemals verschwenden Franzosen Krokodilstränen an verlorene Paradiese, und immer da, wo wir uns bildungspolitisch an fiktive Bekenntnisse klammern und vernünftige Auswege eigenhändig verbauen, setzen die Franzosen kühle Vernunft ein und ein sicheres Augenmaß für Realitäten.

Am Ende bleibt ihnen dabei mehr vom „bewährten Alten“ übrig als uns: So geben sie beispielsweise das selektive zweigegliederte Schulsystem auf, um die quantitativen Ergebnisse amerikanischer und russischer Bildungseinrichtungen zu erreichen. Aber sie erhalten sich ihr einzigartig funktionierendes Ausleseprinzip für eine geistige Elite. Damit bewahren sie die Kontinuität, ohne an den eigenen Traditionen zugrunde zu gehen.