• „Alberto Burri“ (Darmstadt, Kunsthalle): Nach gelegentlichen partiellen Darbietungen ist dies die erste große Retrospektive in Deutschland, 81 Bilder aus den Jahren 1949 bis 1966. Bilder – der Terminus ist legitim, obgleich Burri sich der herkömmlichen Mittel der Malerei nie bedient hat. Sein bildnerisches Konzept hat er nacheinander als Sacco, Ferro, Legnano, Plastica realisiert. Seine zerlöcherten, genähten Sackleinwände, die geschweißten Eisenbleche, die angebrannten Sperrhölzer bringen Materialeffekte in das Bild, dessen traditioneller Charakter, die durch Form und Farbe gestaltete Fläche, jedoch nicht in Frage gestellt wird.

Der Schock, den Burris Säcke Anfang der fünfziger Jahre auslösten, ist heute ebenso abgeklungen und vergessen wie das Gros der Epigonen, die seine experimentellen Vorstöße ausgebeutet haben. Die ästhetische Faszination dieser Materialbildnerei, die den Abfallprodukten eine luzide Schönheit abgewinnt, ist überhaupt nicht zu bestreiten, und es beweist nicht nur technische Souveränität, sondern immense Erfindungskraft, Sack und Eisen zehn Jahre lang zu verarbeiten, ohne daß die Bilder sich wiederholen. Schwierig wird es, wenn man es nicht bei ihrer optischen Faktizität und ihrer Rustikalästhetik bewenden läßt. Signalisiert Burris Sackleinen einen Aufstand gegen den Zivilisationskomfort? Auch sexualpsychologische Deutungen werden angeboten. Die Biographie wird herangezogen, Burri war Arzt, bevor er Maler wurde, sind Schneiden und Vernähen Analogien zum Tun des Chirurgen? Nach Haftmann wären Burris Säcke mit ihren schmutzigen und zerrissenen Verbänden eine Metapher von der offenen Wunde der Welt.

Was mich irritiert, ist nicht die Vielzahl möglicher Interpretationen, vielmehr ein eher äußerliches, technisches Detail in der Spätphase: Burris Schritt zur Plastikfolie. Mit diesem keimfreien, charakterlosen Material weiß auch Burri nichts Besseres anzufangen, als es geschickt zu drapieren und geschmäcklerisch zu fälteln. Plastica erweist sich als ein artifizielles Arrangement, das die Langeweile bemühten Kunstgewerbes ausstrahlt. Bis 14. Mai.

„Albert Paris Gütersloh“ (Bremen, Paula-Becker-Modersohn-Haus Böttcherstraße): Eine reizende kleine Auswahl, zwei Dutzend Aquarelle und Zeichnungen, zum 80. Geburtstag von Gütersloh, dem Mann, der die Wiener Phantastik nicht erfunden, aber zu akademischen Ehren gebracht, die Wiener Schule etabliert hat. Biedermeier und ewiger Pratersonntag, Sentiment und Ironie werden bekömmlich dosiert, Familienidyll und die kleine Romanze werden durch perspektivische Brechungen und akausale Einschübe leicht ins Schwanken gebracht. Wie schön sich Bild an Bildchen reiht – bis zum 22. Mai.

Gottfried Sello

„Das Erscheinungsbild der IBM“, (München, Galerie Intergraphis): Die erste Ausstellung informierte über die Arbeit des CBS, Columbia Broadcasting System; die zweite versammelte unter dem Titel „graphic design ’66“ Wettbewerbsergebnisse des Bundes Deutscher Gebrauchsgraphiker und des International Center for the Typographie Arts, Sektion Deutschland; „Die Reiher des Herrn Tokutaro Tanaka“ war das Thema der dritten Ausstellung, die erste europäische Einzelausstellung dieses wichtigen japanischen Photographen. Zur Zeit (bis zum 4. Juni) sind in der Galerie für angewandte Graphik, Photographie und Formgebung, die unter dem BMW-Pavillon am Lenbachplatz liegt und zu den schönsten, bestausgestattetsten Galerien Münchens gehört, Photos, Anzeigen, Prospekte, einige Computer-Schalttafeln der Firma International Business Machines (IBM) ausgestellt.

Wer sich daran stößt, das Erscheinungsbild einer Firma hier erörtert zu sehen, sei erinnert, wie fließend heute der Übergang von künstlerischer Gestaltung und Design ist. Eine Reihe von Künstlern, wie Karl Gerstner, Eruno Munari, Wolfgang Schmidt, arbeitet in Personalunion auf beiden Gebieten. Konzeption und Technik des Design (so sehr sie häufig Resultate der aktuellen Kunst aufgreifen) wirken andererseits auf die Kunst zurück. – Das Erscheinungsbild der IBM, wie es in München demonstriert wird, verachtet auf einen firmentypischen Stil. Zwei Gesichtspunkte bestimmen statt dessen die Gestalt der Designobjekte: Erstens eine bestimmte Ordnung und Gesetzmäßigkeit, die für eine Aufgabe durchgehalten werden und dem Empfänger helfen, sich in einem ihm recht unvertrauten Gebiet zu orientieren. Zweitens ist es die Bedeutung des Produktes, die das Erscheinungsbild bestimmt, Computer, die ständig entwickelt und erweitert werden. Gerade dieser fortlaufenden Veränderung muß das Erscheinungsbild Rechnung tragen. Dem Designer kommt dabei eine koordinierende Aufgabe zu, nämlich die Vermittlung zwischen freier ästhetischer Erfindung und der Funktionsgebundenheit. – Ich glaube, daß die Galerie, die im Mai 1967 ein Jahr besteht, mit solchen Informationen ausgezeichnet ihr Ziel erreicht, Kritik und Urteil zu schärfen und dem Fachmann neue Wege zu weisen. Jürgen Claus