Von Manfred Sack

Der Duden (Rechtschreibung, jüngste Ausgabe: "10 000 Wörter neu aufgenommen") kennt das Wort "Design" nicht. Ein ungebräuchliches, sehr fremdes Fremdwort also oder eine Vokabel der Fachsprache wie Nephrolithiasis oder Nyktobatesis? Design ist ein englisches Wort, für das schon ein miserables Wörterbuch mehrere Übersetzungen für möglich hält, zum Beispiel: Plan, Zeichnung, Absicht, Muster; zeichnen, entwerfen, beabsichtigen. Leute, die sich in Deutschland in diesem Metier umtun, behalfen sich anfangs mit so edel klingenden Umschreibungen wie "industrielle Formgebung" oder "Formgestaltung", was Wilhelm Wagenfeld, einen der ersten (und besten) "Formgestalter", zu der Bemerkung trieb: "Schon das Wort sagt es: Formgestalten. Warum nicht Gestaltformen? Nicht Formformen? Gestaltgestalten?"

Mittlerweile ist man dabei, sich an das gar nicht so schlechte Fremdwort zu gewöhnen: Man sagt Design, wenn man Design meint. So lautet auch der Titel der ersten deutschen Monographie

Wilhelm Braun-Feldweg: "Industrial Design heute"; rowohlts deutsche enzyklopädie 254/255, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 210 S., 50 Abb., 4,80 DM.

Designer beschäftigen sich damit, verschiedenen Gerätschaften eine ansehnliche Form zu geben: Löffeln, Lokomotiven und Badewannen, Aschenbechern, Automobilen und Raketen, Kaffeemühlen, Kommandoständen für Walzstraßen, Fleischwölfen, Zahnbürsten, Schiffen und Steckdosen; Hollerith-Motor-Wiederholungs-Lochern ebenso wie Leimtöpfen und Weltraumkapseln, Dingen, die uns – oft ständig – umgeben, mit denen wir hantieren, die hoffentlich nützlich, aber nicht für die Ewigkeit gemacht sind, die manchmal von Künstlern entworfen, aber keine Kunst sind, in jedem Falle Massenware vom Fließband der Industrie jeglicher Art, "Umwelt aus der Fabrik". Dies ist auch der Untertitel des Buches.

Dieses Buch nun ist so leicht zu lesen, daß man sich am Ende wundert, trotzdem eine Menge erfahren, Neues gelernt, sogar sein Vergnügen gehabt zu haben – dies wohl auch deswegen, weil der (1908 geborene) Professor für industrielle Formgebung an der Hochschule für bildende Künste in Berlin ein Urteil hat und es auch sagt. Er denkt klar, definiert genau, und er hat die unter seinesgleichen keineswegs selbstverständliche Gabe, Sachverhalte zu erzählen.

Nun haben in diesem Gewerbe Ressentiments und Minderwertigkeitskomplexe, Ideologien und Ästhetenzwiste auf dem kurvenreichen Weg zwischen Hand-werk und Maschinen-werk nicht nur dazu beigetragen, daß die Diskussion in Gang blieb, sondern auch dazu, daß das Thema zerredet und ein bißchen lächerlich gemacht wurde. Der amerikanische Designer George Nelson schrieb: "Industrial Design unterscheidet sich von Architektur und Ingenieurwesen in interessanter Weise – es ist der einzige Beruf, der schon ein Mythos war, bevor er reif wurde."