Von Dietrich Strothmann

Noch hüllt sich das Orakel von Delphi in Schweigen: Hätte Griechenlands König die Demokratie retten können, wenn er, der Oberbefehlshaber der Armee, den putschenden Generälen das Handwerk gelegt hätte? Oder hätten die Offiziere, die sich königstreu nennen, den Monarchen aus dem Lande gejagt? Was wäre geschehen, wenn ...? Diese Frage ist noch ein Rätsel ohne Lösung.

Nur soviel ist mittlerweile gewiß geworden: Als die Militärs um Mitternacht am 21. April losschlugen, nach einem exakten Staatsstreichplan, war Konstantin II. ahnungslos; er schlief in seinem außerhalb Athens gelegenen Tatoi Palast. Als der Coup innerhalb weniger Stunden gelungen und die "verdächtigen" Politiker samt den umstürzlerischen Kommunisten zu Tausenden verhaftet worden waren, ließ sich der König herbei, die Offiziersrevolte zu sanktionieren. Er stimmte der Vereidigung der regierenden Militärjunta zu. Ihm blieb wohl keine andere Wahl; er, der jugendliche König der Hellenen, mußte sich in die Gewalt der Mächtigen schicken.

Das erste Photo, das fünf Tage nach dem mitternächtlichen Streich von dem Monarchen inmitten des ihm aufgezwungenen Kabinetts veröffentlicht wurde, zeigt einen anderen Konstantin: Das Lächeln ist aus seinem weichen Gesicht verschwunden. Grimm, Widerwillen, Einsamkeit liegen in seinen Augen. Da schien sich ein alter griechischer Spruch bewahrheitet zu haben: "Popularität allein ist zuwenig für einen König in diesem Land." Und mancher mochte sich in diesem Augenblick auch eines frühen Eingeständnisses Konstantins entsinnen: "Ich fühle mich sehr allein. Aber ich bin für diesen Thron geboren, und ich werde meine Pflicht tun."

Doch welche Pflicht hätte er nun, da seine Offiziere die Macht an sich gerissen hatten, tun sollen? Sich für die Demokratie, deren Volkskönig er sein wollte, opfern? Oder auszuharren, um der Generalität das Feld nicht vollends zu überlassen?

Vorläufig freilich sieht es so aus, als sei er ein König ohne Krone. Nicht sein Zepter, die Maschinenpistolen seiner Militärs herrschen über Griechenland – und ihre großsprecherische Propaganda. Während ihr Sender unentwegt Marschmusik spielte ("Griechenland wird nie sterben"), versuchten sie dem Volk einzureden, sie wollten allein das "Glück der Griechen", sie wollten das Land auf den "korrekten Weg zur Demokratie" zurückführen. Der König, so riefen sie, könne stolz auf seine Armee sein; sie habe ihm nur helfen wollen, einen Ausweg aus der politischen Sackgasse zu finden. Denn: "Der schwerkranke Patient kann nur durch eine Operation geheilt werden. Dazu muß man ihn an den Tisch fesseln." Und weil sie es "nicht erlauben, daß die Kommunisten uns irgendwie verstümmeln", weil die "tapfere griechische Armee in den Höhlen der Anarchie" Pläne für eine Revolution entdeckte, die sich "gegen alle nationalen Traditionen und menschlichen Werte, gegen die Moral, die Würde und den Anstand, gegen die heilige und geheiligte Institution" Griechenlands gerichtet habe, verbieten sie – ähnlich den Pekinger Kulturrevolutionären – Miniröcke und Beatlefrisuren, predigen sie die "Wiedergeburt der Nation" und die "Verbrüderung aller Griechen".

Sie malen den Schrecken an die Wand, wie der zum Ministerpräsident gekürte Generalstaatsanwalt Konstantin Kollias: "Wir sind uns der Größe der Aufgabe, die wir übernommen haben, voll bewußt. Wenn wir sie erfüllen, wird die Freiheit in Griechenland gerettet werden. Wenn wir scheitern, wird Griechenland als ein Teil der freien Welt untergehen."