Von Andreas Kater

Hannover

Aufmerksame hannoversche Zeitungsleser wunderten sich. Ausgerechnet die bürgerlichste ihrer drei Lokalgazetten veröffentlichte in ihrer auflagenstarken Wochenendausgabe – zwischen Verlobungs- und Geschäftsanzeigen – einen Aufruf höchst destruktiven Charakters. Unterschrieben war er von neun angesehenen hannoverschen Bürgern: Unter anderen zwei Professoren, einem Ministerialdirigenten i. R., einem Architekten, einem Geistlichen und einem Kabarettisten. Sein Kernsatz: „Am 15. April gegen 22 Uhr wurde bei einer Ausweiskontrolle der 22jährige Arbeiter Otto Funk von mehreren Polizeibeamten verprügelt.“

Weiter hieß es: „Um Herrn Funk, der nicht vermögend ist, eine gute anwaltliche und publizistische Vertretung zu sichern, rufen die Unterzeichneten zu einer Hilfsaktion auf.“ Überweisungen wurden auf das Sonderkonto „Otto Funk“ erbeten.

Von dem Vorfall gibt es zwei Versionen. Sie haben kaum mehr gemeinsam als den Ort des Geschehens, Hannovers Georgsplatz – Stolz der Bürger und Treffpunkt der Gammler. Nach Darstellung der Polizei wurde der bärtige junge Mann wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt vorläufig festgenommen. Er habe – so heißt es – Minderjährige aufgefordert, den Anordnungen der Beamten nicht zu folgen. Zur Feststellung seiner Personalien habe man ihn „unter Anwendung einfacher körperlicher Gewalt“ in einem Streifenwagen zur Wache gebracht. Gegen null Uhr sei er aus der Haftstation entlassen worden.

Was in der Haftstation geschah, dafür gibt es außer dem jungen Amateurgammler keinen zivilen Zeugen. Seine Erinnerung weicht wesentlich ab vom Polizeibericht:

„Ich bat einen Beamten um seine Kennkarte. Sie wurde mir verweigert. Die Beamten riefen nach Verstärkung, und ich wurde brutal in den Wagen geworfen. Ich war zu dieser Zeit durch Schläge und Tritte halb bewußtlos. Auf der Wache zog man mich aus und warf mich in den Keller auf den Betonfußboden. Jetzt haben wir dich endlich allein, ohne die Leute vom Georgsplatz‘, sagte einer der acht Polizisten, die um mich herumstanden. Drei von ihnen schlugen, traten und würgten mich.“