Von Martin Gregor-Dellin

Es ist nicht nur das Vorrecht des Autors, an sich selbst zu glauben, sondern auch eine liebe Gewohnheit, daß der Kritiker ihn darin bestärkt, sofern sich nur eine irgend triftige Veranlassung dazu bietet. Zweimal war bisher Gelegenheit, im Fall des Schweizer Arztes und Erzählers Walter Vogt solche Präliminarien einer schriftstellerischen Laufbahn abzuwickeln und mit vorsichtigem Optimismus der literarischen Welt eine Entdeckung anzuraten: beim Debüt in der „Löwengrube“ seines Verlags, dem Band „Husten“ mit kurzer Prosa, und einem Roman „Wüthrich“, der als Selbstgespräch eines sterbenden Arztes aufgezäumt war und an dessen Beispiel sich ein aussichtsreiches und selbstbewußtes Talent vorstellen ließ.

Wo ist es geblieben? Offenbar hat der Arzt das Metier gewechselt und ist mit fliegenden Fahnen unter die Schriftsteller gegangen, was ihm unbenommen bleibe: Nur legt er binnen zwei Jahren schon das dritte Buch vor und hat inzwischen auch noch durch ein Stück von sich reden gemacht. Kein Wunder also, daß man. auf eine Begabungs-Explosion schließt (Vogt wird vierzig) und mit besonderen Erwartungen den Band

Walter Vogt: „Melancholie“ – Die Erlebnisse des Amateur-Kriminalisten Beno von Stürler; Diogenes Verlag, Zürich; 240 S., 14,80 DM

in die Hand nimmt. Aber der Erzähler, den wir meinten, glänzt darin durch Abwesenheit und hat sich durch sein zweites Ich, einen flinken Schreiber, vertreten lassen. Wenn schon ein Buch mit einem Kriminalisten, dann wünsch‘ ich mir doch einen Profi wie Hercule Poirot. Aber für so etwas wie eine Kriminal-Humoreske war Vogt wohl auch gar nicht gerüstet; es sollte auch seine Sache nicht sein, wenn man sich die tiefenpsychologischen und makabren Scherze vor Augen hält, mit denen er in seinen ersten beiden Büchern aufzuwarten hatte.

Worum es geht, ist schneller gesagt als gelesen: Ein paar bedauerliche Todesfälle ereignen sich in nächster Nähe eines Kongresses von Amateur-Kriminalisten (fünf Teilnehmer), dessen Vorsitzender der Motivforscher Beno von Stürler ist. Vorübergehend verliert sich die Geschichte in Nebensachen und krause Gespräche, bis Stürler zum großen Schlag ausholt: Als simulierender Melancholiker verschafft er sich Eingang in eine psychiatrische Klinik, in der bei einer Versuchsreihe eines Medikaments serienweise die Kranken sterben – dahinter steckt natürlich ein Konzern, Geschäft, Profit. Der Plot ist dürftig, die Entlarvung eher vergagt als befriedigend, und so kurios und witzig kann ich sterbende Geisteskranke in der Schweiz auch nicht finden.

Es mag sein, daß die Enttäuschung, die von dieser Geschichte ausgeht, primär von der Reizlosigkeit der Darstellung bedingt ist. Immer redet man ja mehr vom Inhalt, wenn formal nichts los ist. Und leider kommt diesmal dem Autor, wozu eine lässige Story wohl verführt, auch sein Verhältnis zur Sprache abhanden Hühner „gackerten weiß“ im Garten, du gelangst „mühelos dorthin, wo du gehörst“, und eine Rückblendung aus dem Imperfekt beginnt einfach mit: „Genau eine Woche früher... stand Herr von Stürler . .. und sah ...“ Oder eine Dialogszene wird von dieser Art Kommentaren umrankt: „Er lachte gezwungen auf, Beno hingegen lächelte mild.“ Und: „Er stank vor Angst.“ Und „Spöndlin stand geisterhaft reglos.“ Ein Illustriertenroman? O nein, da sind doch Ambitionen. Die Sache wäre ja auch gar nicht so schlimm und erwähnenswert, wenn nicht das Engagement eines Autors an die Literatur auf dem Spiele stünde. Hoffen wir, daß er es wiederfindet und daß er mit diesem Seitensprung nur dem Unstern einer melancholischen Stunde gefolgt ist.