Von Erwin Lausch

Durch Zufall, so heißt es, fand der englische Mikrobiologe Sir Alexander Fleming 1928 das Penicillin. "Ganz zufällig" stieß auch – nach eigenen Worten – der Berliner Bakteriologe Dr. Heinz Stolp auf bisher unbekannte Organismen, die für Mikrobiologen zu aufregenden Forschungsobjekten geworden sind.

Stolp entdeckte winzige Bakterien, die sich "wie Piranhas" auf andere Bakterien stürzten Einzelne Raubbakterien, so beobachtete der Wissenschaftler, sind imstande, mit Hilfe ihrer Nachkommenschaft eine viele Milliarden starke Kultur von Beute-Mikroben in kurzer Zeit zu vernichten. Kein Wunder, daß spekulationsfreudige Fachkollegen wie Dr. Moshe Shilo von der Hebräischen Universität Jerusalem bereits eine neue Ära im Kampf gegen krankheitserregende Bakterien heraufdämmern sehen.

Purer Zufall allein freilich hätte Fleming nicht zu Penicillin und Nobelpreis verholfen, und Stolp hätte nur "ganz zufällig" niemals ein Raubbakterium zu Gesicht bekommen. Die schönste Zufallsbeobachtung ist verschwendet, wenn sich nicht Forscherneugier an ihr entzündet.

Fleming kam ein Bakterienrasen unter die Augen, dessen Entwicklung stellenweise gehemmt war. Anstatt die verdorbene Kultur einfach fortzuwerfen, untersuchte der Brite das Phänomen und entdeckte, daß Schimmelpilze der Art Penicillium notatum eine Substanz produzieren, die Bakterien tötet.

Stolp, seit 1952 Mitarbeiter der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft zunächst in Braunschweig, später in Berlin-Dahlem, interessierte sich vor allem für Bakteriophagen, für Viren also, die sich auf Bakterien spezialisiert haben. Geraten Bakteriophagen in eine auf festem Nährboden wachsende Bakterienkultur, so entwickeln sich regelmäßig innerhalb von 24 Stunden kreisrunde Flecke, in denen die Bakteriophagen die Bakterien aufgelöst haben.

Eines Tages im Jahre 1962 hatte Stolp wieder einmal einen Versuch angesetzt, bei dem sich Bakteriophagen aus einer Bodenprobe in einer Bakterienkultur vermehren sollten. Doch nach 24 Stunden waren in dem Bakterienrasen noch keine "Fraßspuren" der Bakteriophagen zu erkennen. Mit dem Auftreten von Bakteriophagen war nun erfahrungsgemäß nicht mehr zu rechnen.