Der technische Fortschritt ist für die Konjunktur von morgen wichtiger als ein paar Prozent Auf träge mehr oder weniger

Selten dürfte eine Messe mit solcher Spannung erwartet worden sein wie in diesem Jahr die große Industrieschau in Hannover. Zwar gilt die Hannover-Messe seit vielen Jahren als das wichtigste Barometer der Konjunktur – aber in den Jahren des Booms waren doch die meisten Unternehmen recht gelassen, sie hatten den Erfolg meist schon in der Tasche. Die erste Rezession, die die Wirtschaft erlebt, hat ein völlig anderes Messeklima geschaffen: Diesmal fällt für manchen Unternehmer in Hannover die Entscheidung darüber, ob er 1967 überhaupt noch einen Gewinn erzielt.

Kein Wunder also, daß in Hannover jeder Abschluß, sogar jedes „intensive Verkaufsgespräch registriert wurde, daß konjunkturpolitische Prognosen hoch im Kurs waren. Freilich hätte man sich viel von dem aufgeregten Streit ersparen können, ob die Wirtschaft zu spät und zu zögernd angekurbelt wurde oder ob nicht weitere Wachstumsimpulse bereits in einen neuen Aufschwung hineinwirken und so die Stabilität bedrohen konnten. Im Grunde sind fast alle Unternehmer davon überzeugt, daß die Politik des „Aufschwungs nach Maß“ richtig ist, mehr noch, daß sie Erfolge haben wird.

Der nachhaltigste Eindruck ist freilich nicht, daß die Unternehmer auch heute – „in der Talsohle“ – Zuversicht zeigen, sondern das sie sich mehr als in früheren Jahren an den grundsätzlichen strukturpolitischen Aufgaben interessiert zeigen.

Kurt Lotz, designierter Nachfolger von VW-Chef Nordhoff, wählte für seine Eröffnungsrede das Thema „Bildung und Wirtschaft“ – in der Erkenntnis, daß von der Steigerung der technischen Leistungsfähigkeit die ökonomische Zukunft unseres Landes in weit höherem Maße bestimmt wird als von der Frage, ob heute der Auftragseingang um einige Prozent höher ist oder nicht. Und in dem wahrscheinlich bedeutsamsten Fachreferat der Messe gab DEMAG-Vorstandsmitglied Professor Holste einen Ausblick auf den „Maschinenbau im Jahre 2000“ – wobei er vor utopisch anmutenden Prognosen, wie der bergmännischen Nutzung des Weltraums (Abtragen von Planetoiden) oder rollenden Bürgersteigen nicht zurückscheute.

Die führenden deutschen Unternehmer haben offenbar verstanden, daß die Ursachen für viele der heutigen Schwierigkeiten nicht allein in einer vorübergehenden konjunkturellen Abschwächung zu suchen sind. Wir hängen zu stark an der industriellen Gegenwart (oft sogar an der Vergangenheit) und konzentrieren uns zu wenig auf die Zukunft. Es gäbe weniger Anlaß zur Sorge, wenn in der Bundesrepublik mehr Unternehmen vom Rang etwa der IBM existieren würden: Dieser Weltkonzern wächst, ob gerade Flaute oder Boom herrscht. Wo wäre bei uns ein Unternehmen vergleichbarer Bedeutung zu finden, das in den letzten fünf Jahren Umsatz und Gewinn verdoppeln konnte? Flauten können auf kurze Sicht durch eine richtige Konjunkturpolitik überwunden werden, auf längere Sicht aber nur dadurch, daß eine Volkswirtschaft durch technische Spitzenleistungen mehr Dynamik entwickelt.

Diether Stolze