Nicht um den Segen der Götter oder die Gunst der Musen, um Gnade für die Erbauer und eine faire Chance für ihr Werk bat Oberbürgermeister Becker als erstes bei der Einweihungsfeier der neuen Städtischen Kunsthalle in Düsseldorf – er konnte dann um so besseren, privaten Gewissens bekennen, daß auch ihm das Äußere dieses Baus nicht gefalle. Für Düsseldorfer, die die Ansicht ihres OB teilen, mag es tröstlich sein, ein Stadtoberhaupt mit Geschmack über sich zu .wissen; der den schönen Künsten gewidmete Betonbunker in der Düsseldorfer Altstadt wird durch diese Einsicht jedoch nicht schöner. Und der von fern zugereiste Premierenbesucher hatte nicht ohne Grund den Eindruck, in die letzten Ausläufer eines städtischen Sturmtiefs hineingeraten zu sein: Außer dem für die neue Kunsthalle verantwortlichen städtischen Oberbaudirektor, der in seiner Festrede die alte (und dadurch nicht richtiger werdende) These von den „nach innen gerichteten Aufgaben“ mobilisierte, traf man kaum jemanden, dem ein Lobeswort für den Betonklotz einfiel.

Als die alte Düsseldorfer Kunsthalle 1942 bei einem Fliegerangriff weitgehend zerstört wurde, nistete sich der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen (der während dieser Zeit auch für städtische Ausstellungen zuständig war) in den notdürftig wieder bewohnbar gemachten Ruinen ein. Mit einem neuen Gebäude sollten zugleich auch neue Chancen genutzt und organisatorische Nachkriegslösungen endlich abgeschafft werden. In der neuen Kunsthalle stehen rund 1600 qm Ausstellungsfläche der Städtischen Kunsthalle, und rund 330 qm dem Kunstverein der Rheinlande und Westfalen zur Verfügung. Der gute Geist der „kooperativen Konkurrenz“ wurde jedoch nicht nur in den Festreden beschworen, sondern mit der Premierenausstellung sogleich unter Beweis gestellt: die dem Thema „Kunst des 20. Jahrhunderts aus rheinisch-westfälischem Privatbesitz“ gewidmete Ausstellung wäre wahrscheinlich nur halb so reichhaltig und eindrucksvoll ausgefallen, wenn nicht beide Institutionen Prestige, Energien und persönliche Kontakte hätten addieren können.

Daß die Millionäre von Rhein und Ruhr, wie manche ihrer Brüder im Gelde auch, sich mit dem Erwerb eines Picasso oder Kokoschka gelegentlich zwanglose Verdienste um die Kunst erwerben, ist bekannt, noch vor ein paar Tagen ging die Nachricht von dem vom Pech verfolgten Baron Thyssen durch die Zeitungen: Weil ein Amerikaner ihm bei Sotheby Picassos „Frau mit Kind am Strand“ für über zwei Millionen Mark wegschnappte, muß er auch weiterhin ohne eigenen Picasso leben. Was die Düsseldorfer Ausstellung jedoch interessant macht, ist das Engagement, die Sammlerleidenschaft, die man spürt. Haben die Besitzer von George Segais „Woman painting her finger nails“ diese in Gips erstarrte Verlorenheit wirklich im Zimmer aufgestellt? Wem gehört wohl das wunderbar sensible „Porträt eines Knaben“? Wechselt der Besitzer von Jim Dines „3 Palettes“ die zwei Kleider, die links und rechts am Bild baumeln, gelegentlich aus?

Die in der Düsseldorfer Kunsthalle gezeigten 380 Bilder, Zeichnungen und Plastiken (das weite Feld der Graphik hat man zurecht ausgelassen) summieren sich zu einer Art Dokumentation der modernen Kunst. Es gibt Schwerpunkte, Lücken, Überflüssiges, trotzdem ist es gelungen, die Linie Henri Matisse bis Robert Rauschenberg nachzuzeichnen.

Es hätte den „nach innen gerichteten Aufgaben“, die in einem nicht ungeschickt aufgeteilten Hausinnern so angenehm präsentiert werden (wozu nicht zuletzt eine kleine Cafeteria beiträgt), nicht geschadet, wenn das Äußere des Hauses nicht nur zur Zufriedenheit der Garagenbenutzer (die Untergründe der Kunst wurden gleichzeitig auch für zwei Tiefgaragen genutzt), sondern auch den Kunsthallenbesuchern ein wenig zur Freude ausgefallen wäre. P. K.