Von Ingeborg Zaunitzer-Haase

Ein modernes Hochhaus zu bauen, kostet mindestens zehn Millionen. Einen modernen Ozeanriesen zu bauen, kostet um die hundert Millionen. Eine moderne Universität zu bauen kostet eine Milliarde. Wie macht man das heute?

Göttingen ist eine Auch-Großstadt mit über 110 000 Einwohnern; doch Göttingen hat Kleinstadt-Charakter. Aus seiner einstigen Blütezeit als Mitglied der Hanse blieb die gotische Schönheit vieler Bauten, blieb die mittelalterliche Idylle des Stadtkerns, dessen enge Straßen vom modernen Autoverkehr verstopft sind.

Vor allem aber ist Göttingen Universitätsstadt. Tausende von Studenten wimmeln zur Semesterzeit unentwegt umher, aber nicht, weil sie spazierengehen, sondern weil sie arbeiten wollen. Göttingen ist von einem engmaschigen Netz universitätseigener Gebäude überzogen. Die Uni ist überall.

Die Gebäude sind stilvoll. Sie stammen größtenteils aus dem vorigen Jahrhundert und stören also nicht den Hauch molliger Antike, der wohlig über dem Städtchen hängt. Sie stören lediglich den wissenschaftlichen Lehrbetrieb, nicht nur, weil ihre verstreute Lage zu unrationellem Hin- und Herlaufen führt, sondern vor allem, weil sie nicht genügend Raum bieten. Hörsäle und Institute sind rettungslos überfüllt.

Beispielsweise das Altklinikum. Es wurde 1889 für 108 Betten errichtet und seitdem durch Anfügung einiger Dominosteine erweitert, letztmals 1938. Die völlig unzulänglichen Bauten beherbergen heute sieben verschiedene medizinische Abteilungen, die eigentlich je eine Klinik für sich sein müßten. Im Gang steht eine eiserne Lunge, viele tausende Mark wert. Sie ist unbeaufsichtigt, nur mit einem Tuch bedeckt und hat nirgendwo Platz. Die Zimmer sind stets überbelegt. In einem Raum, in dem täglich rund 300 Röntgenaufnahmen gemacht werden, befinden sich vier kostbare und komplizierte, modernste Durchleuchtungsgeräte. Es kann immer nur eines davon benutzt werden – aus Strahlenschutzgründen. Drei liegen stets brach. Jedes müßte seinen eigenen Raum haben.

Die Göttinger Georg-August-Universität, 1736 gegründet, gehörte von Anfang an zu den größten Universitäten Deutschlands. Von Anfang an auch zählte sie streitbare Geister zu ihren Professoren. 1837 wurden sieben von ihnen aus den Diensten der Alma mater entlassen, weil sie den König Ernst August des Verfassungsbruchs beschuldigten. 1848 wurden just diese Professoren Mitglieder der Frankfurter Nationalversammlung und damit Vorgänger eines demokratisch regierten Deutschlands.