Harold Wilson hat alle Widerstände überwunden und ist entschlossen, Großbritannien zum Mitglied des Gemeinsamen Marktes zu machen, sofern das Geben und Nehmen der Verhandlungen zu diesem Resultat führt. Die Antieuropäer in der Labour Party haben ihre Opposition aufgegeben, genauer gesagt: Sie hoffen, daß es am Konferenztisch noch schiefgeht.

Die Mitglieder der EFTA, der Freihandelszone der Randgebiete Europas, waren ein weiteres Hindernis. Ihre Minister brachten in London Vorbehalte zur Sprache, die auszuräumen nicht ganz einfach war. Scheitert nämlich das Beitrittsgesuch, dann wird sich die EFTA auf jenes Eigenleben besinnen müssen, das sie – den Blick nach Brüssel gerichtet – nie recht begonnen hat. Sie war als Pressure Group gedacht – mit dem Fernziel einer Selbstauflösung, sobald die Erweiterung der EWG gelungen sein würde. Mindestens zwei EFTA-Staaten (Dänemark und Norwegen) und außerdem Irland werden übrigens dem britischen Beispiel bald folgen.

Das Commonwealth – welches dereinst der Labour Party unter Gaitskell den Haupteinwand lieferte – ist in corpore gar nicht gefragt worden. Das entspricht den Realitäten. Die meisten der farbigen Regierungen haben am Wohlergehen von Ihrer Majestät Mutterland jüngst so wenig Anteil genommen, haben sich auch den für sie bequemeren Handelsströmen trotz aller Commonwealth-Bande so ungeniert zugewandt, daß es den Altruismus zu weit treiben hieße, wollten die Engländer nun vor lauter Sorge um Staaten, die solche Sorge immer mehr als Einmischung betrachten, ihre eigene. Zukunft hintanstellen. Gewiß: Die neuseeländischen Fleischbüchsen sind bis 1972 fest abonniert, deren Produzenten können nicht im Stich gelassen werden. Aber so wie die scheinbar unlösbar verknotete Devisenzahlung für die Rheinarmee durch einen Dreieckszaubertrick mit Washington plötzlich entwirrbar wurde, so lassen sich, auch andere Hindernisse ausräumen. Den Neuseeländern ist es egal, ob ihre Butter auf englischen Frühstückstischen landet oder anderswo, Hauptsache, sie müssen ihre Exporte nicht senken oder unter dem bisherigen Preisniveau verschleudern.

Die Farce einer Commonwealth-Sonderkonferenz hat sich Wilson erspart. Wenn Indien und Pakistan ihren Lokalärger nicht von London schlichten lassen, sondern von Moskau, wieso sollten sie dann ein Recht haben, Englands „Regional-Politik“ mitzubestimmen? Die einstmals so stolze Völkerfamilie ist in voller Auflösung, auch wirkt die Entspannung entbindend. Englands Postminister hat soeben die Vorzugs-Kabelgebühren für Commonwealth-Journalisten aufgekündigt. Dieser Entschluß kennzeichnet wie nichts anderes das schwindende Interesse der Engländer an ihrem „Image“ im einstigen Empire.

Nun bleibt für Wilson und Brown ein letzter, nicht zu unterschätzender Hemmschuh: die öffentliche Meinung im eigenen Land. Daß die Engländer in der überwiegenden Mehrzahl einen Beitritt zum Gemeinsamen Markt befürworten, steht außer Zweifel.

Jedenfalls wird sich die innere Entwicklung Großbritanniens während der langen und womöglich komplizierten Phase der Beitrittsverhandlungen auf deren Erfolg viel unmittelbarer auswirken, als sich das die meisten Engländer klarmachen. Es wird, den Gegnern des britischen Zutritts im Ausland sehr viel leichter sein, ein Nein zu formulieren oder die Verhandlungen in eine Sackgasse zu manövrieren, wenn sich etwa gleichzeitig eine neue Pfundkrise über der City zusammenbraut. Der General in Paris kann seine alten Vorbehalte gegen die, wie er glaubt, janusköpfige englische Politik, die immer zugleich auch nach Washington blickt, neu belebt finden, wenn er zu wissen meint, daß neue amerikanische Anleihen auch neue politische Auflagen für den Schuldner in London bedeuten. In den übrigen EWG-Hauptstädten könnte das Interesse an der Hereinnahme Englands beträchtlich sinken, wenn der künftige Partner gerade durch ein Sturmtief der Handelsbilanz steuern muß.

Daraus ergibt sich für die britische Politik eine dornenvolle Strecke. Während nämlich die Bevölkerung deutliche Zeichen von Müdigkeit zeigt, während die Konservativen im Vollgefühl gewonnener Kommunal- und Unterhausnachwahlen versprechen, alles ganz anders zu machen, muß die Regierung genau das Gegenteil dessen tun, was die Wähler erwarten. Sie hoffen auf ein rasches Ende der Restriktionspolitik. Sie glauben, daß der Jahrestag der drastischen Bremsmaßnahmen, der 20. Juli, das versprochene Begräbnis der Unholde „Freeze“ und „Squeeze“ bringen wird. Denn sie haben diese Dickenschen Bösewichte gründlich leid und wollen ein Freudenfeuer. Daraus wird nichts werden. Die Regierung würde sich um jede Chance eines EWG-Beitritts bringen, wenn sie im Juli die Bremsen losließe und um der angenehmen Fahrt willen das Gaspedal durchträte. Nur ein aus dem Stop-go-stop-Zyklus deutlich ausbrechendes England hat die Chance, alle Bedenken zu zerstreuen, ob es denn auch das schärfere Pensum im Gemeinsamen Markt zu schaffen imstande sei.