Der Mann, ganz kurzer Haarschnitt, sehr strenges Gesicht – alles an ihm war Heimatschutz –, trug einen hellgrünen Junker mit Hirschhornknöpfen. Er ging die erste Stuhlreihe entlang und teilte ein Stück Papier aus: „Frankenruf – Mitteilungen des Kulturbundes Franken – 8551 Ermreuth, Oberfranken.“ Es war ein dünnes, schlechtes Stück Papier, bedruckt mit einem Stück „Heimatpflege als politische Aufgabe“, geschrieben von einem Herrn Hingkeldey.

Von der „Herauslösung aus der angestammten Sittengemeinschaft“ war da die Rede und Von der „dinglichen Umwelt im Haus und Heim“, von „Heimat und Volkstum“, der „Mutterseite des staatspolitischen Lebens“ und von einer „Renaissance der Tradition im Sinne einer konservativen Revolution“. Auch die Klage von den bösen „Massenmedien“ wurde angestimmt, die Bilder aus „traditionslosen und zerrütteten gesellschaftlichen Verhältnissen ins Haus und in die Familie“ trügen – „eine völlig neue Erscheinung in der Weltgeschichte“. Hingkeldey weiter: „Zudem bietet das städtische Milieu die sittenfremden Verlockungen der Vergnügungsindustrie.“

Der Mann im Trachtenrock wurde seine „Franken-Rufe“ im Handumdrehen los. Es war am zweiten Abend des dritten Nürnberger Gesprächs im Kleinen Saal der Meistersingerhalle, vor dem Auftritt des Sorbonne-Professors Pierre Bertaux und seiner Ansprache über „Planung und Freiheit“. Der Gelehrte aus Paris und der Heimathüter aus Ermreuth – freundlich und klug der eine, verbohrt und verbissen der andere. Freilich: mit dem Pariser Professor für Germanistik ließ sich nicht streiten, mit dem Oberfranken Hingkeldey hätte es sich, vielleicht, gelohnt. Ein Mangel, ein Manko?

Die Szene des Nürnberger Gespräches 1967 war voller Gleichmut. Gesprochen wurde da, geredet und vorgetragen, weniger diskutiert und gestritten. Dabei gibt es in diesem Lande genug Hingkeldeys, auch kluge und streitlustige, mit denen sich rechten ließe. Sie waren nicht zur Stelle, wieder nicht. Wieder machten die Professoren das Rennen, junge fortschrittliche und ehrwürdige alteingesessene. Die Provinz aber, die intellektuelle, intelligente trat nicht auf. Der Nürnberger Kongreß gerät allmählich in die Gefahr eines spröden, temperamentlosen Konsensus.

Dieser Kongreß will, wie sonst keiner, widerspiegeln, was gedacht wird. Dazu ist er da, zu diesem Zweck wurde er begründet. In Nürnberg wurde für das Gespräch in Deutschland und über Deutschland vor zwei Jahren ein neuer Anfang gemacht, allem lokalen Widerstand und aller generellen Gleichgültigkeit zum Trotz. Doch das Fazit dieser dritten Gesprächsrunde war nicht mehr so ermutigend wie vordem.

Das mochte auch daran liegen, daß die Themen die öffentlichen Diskussionen, die Seminare und internen Arbeitsgruppen zu vager Abstraktion verleiteten. Über „Erkennen und Handeln – Gegenwart und Zukunft der deutschen Gesellschaft“ sollte debattiert werden; es sollten „Entwürfe“ geliefert werden – für „staatsbürgerliches Verhalten“, für eine „künftige Erziehung“, für eine „moderne Bürokratie“; die „Grenzen des politischen Anspruchs“ galt es abzustecken, Methoden der Arbeitsbedingungen zwischen Politik und Wissenschaft, Möglichkeiten der Lebensbedingungen des Individuums in der Gesellschaft des Pluralismus zu entdecken. Der Ertrag der Nürnberger „Entwürfe“ mußte dementsprechend dürftig ausfallen: Der Frankfurter Psychologe Tobias Brocher verlangte nach dem „neuen Menschen“, die Pädagogen nach der Ganztagsschule, die Verwaltungslehrer nach dem gebildeten Beamten, der Philosoph nach dem Streben zur „guten Wahrheit“ für den Politiker. Höhenflüge hier, Halbheiten dort.

Der Nürnberger Kongreß muß, will er seinen Sinn behalten, zum Konkreten zurückkehren. Das Engagement muß sich wieder durchsetzen, die Debatte, das Für und Wider herrschender Meinungen. Das Aktuelle muß wieder zur Sprache kommen, nicht das Ungefähre einer ungewissen Zukunft. Es gibt in Deutschland Dinge genug, die in Frage stehen und auf die zu antworten ist. Das Gespräch in Nürnberg böte dazu reichliche und in seiner Organisation zudem vortreffliche Gelegenheiten. Die Aufmerksamkeit Her Hörer ist staunenswert: Abend für Abend füllten sie die Säle, standen häufig stundenlang in den Gängen, kamen oft von weither. Das Angebot deutscher und ausländischer Referenten verschiedener Provenienz ist unerschöpflich, die Bereitschaft des Nürnberger Stadtrates, diesen Kongreß als Institution zu erhalten, rühmenswert. Er muß nur wieder eine „fiebernde Tagung“ werden, so wie es beim letztenmal von ihm zu Recht gesagt wurde. Dietrich Strothmann