Von Hans Gresmann

In Downing Street und in Checquers, dem Landsitz des Premiers, hat sich das britische Kabinett am letzten Wochenende zu einem „Ja“ durchgerungen. Dieser Entschluß mag das Geschick Europas, und er mag die Struktur der westlichen Welt historisch verändern. Zum zweitenmal erbittet Großbritannien Einlaß in die kontinentaleuropäische Wirtschaftsgemeinschaft, und zum zweitenmal wartet das Inselvolk darauf, wie ihm von der anderen Seite Bescheid gegeben wird.

Von der anderen Seite? In Europa und für Europa gibt es jetzt nur noch diese eine Frage: Und was sagt der General?

Denn von den sechs Stimmen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ist nur eine einzige ungewiß. Die Beneluxländer waren von jeher für den Beitritt Großbritanniens. Und wenn sie sich in letzter Zeit weniger artikuliert geäußert haben, dann war dies viel eher eine Folge der Resignation als etwa das Anzeichen für einen Meinungsumschwung. Auch Italien hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß es die Engländer „drinnen“ sehen möchte, so bald als möglich.

Und die Bundesrepublik? Unter Erhard und Schröder waren aus Bonn zwar stets entschiedene Bekundungen eines pro-englischen Sentiments zu vernehmen, aber das nicht selten mitformulierte Wunschdenken, man müsse auf den französischen Präsidenten einwirken (oder gar: ihn unter Druck setzen), wurde nicht einmal im Ansatz in wirkungsvolle Politik umgemünzt. Es scheint, als hätten Kiesinger und Brandt von Anfang an erkannt, daß – was England betrifft – gute Worte oder gar Pressionen in Paris nichts fruchten.

Wenn nun aber alle fünf für England sind, und wenn doch alle fünf für England nichts oder nur wenig tun können, wer vermag dann Fürsprecher zu sein beim starken Mann in Paris? Fürsprecher, und ein erfolgreicher dazu, könnte allein jene Macht sein, die de Gaulle selber die „nature des choses“ nennt – den Sachzwang.

Halten wir – unberührt von allem verschwommenen „Man-sollte-doch“-Gerede –, also fest, daß kein anderer als de Gaulle derzeit den Schlüssel in Händen hält, der Großbritannien das Tor nach Europa öffnen könnte. Wenn er ihn fortwerfen will, wird niemand ihn ernstlich daran hindern können. Und wenn er ihn ins Schloß steckt, ist dies gewiß nicht das Ergebnis von Beschwörungen aus Bonn oder aus Brüssel oder Luxemburg, sondern es ist die Folge eines politischen Kalküls.