Weder die Sozialdemokraten noch die jungen Mädchen werden heute noch rot. Und da verlangt man es von den Autos?

Rot ist die Modefarbe von heute, sagen die Karossiers. Rote Autos verschulden kaum Unfälle, sagen die Statistiker. Rot ist die Farbe, die man am leichtesten erkennt, ob es Winter ist oder Sommer, hell oder dämmerig, nahe oder weit weg, sagen die Psychologen.

Sie predigen tauben Ohren; denn man sieht kaum Rot in unserem Verkehr. Dann und wann eine Ampel oder einen roten Kopf. Rot ist jedermanns Herzblut, aber nicht jedermanns Hausflagge. Und die gewählte Karosseriefarbe ist so etwas wie ein Symbol.

Denkste!

Heute tönt der Verkäufer: „Im Werk läuft jetzt gerade ‚Eierschale‘ und ‚Arktis‘. Sie können Ihren Wagen sofort haben, wenn Sie diese Farbe nehmen. Wenn Sie ‚Jadegrün‘ wollen, müssen Sie sich bis August gedulden.“ So ist es mit der Symbolträchtigkeit der Karosseriefarbe. Es ist eine Niederträchtigkeit.

Aber nach der Weiß-Schwemme der Jahre 1958 bis 1962 mit Elfenbeinweiß, Grauweiß, Isabellenweiß, Eierschalenweiß ist jetzt Rot en vogue. Ich mag rote Autos sehr, aber „eines schickt sich nicht für alle“: Nur flache, niedrige, sportliche Wagen sehen in Rot wirklich gut aus. Auch alle Kleinwagen gewinnen durch roten Anstrich an Bedeutung. Aber schon bei mittelgroßen Limousinen vom Opel Rekord an aufwärts wirkt Rot wie ein Trompetenstoß. Mit einer roten Mercedes-Limousine kann wirklich nur ein Feuerwehrhauptmann daherkommen, aber ein 190 SL-Roadster gewinnt allein durch ein schönes Nitribitt-Rot noch an Verve und diejenigen PS dazu, die ihm unter der Haube fehlen.

Rot ist eben eine metaphysische Farbe. Das wußte schon Karl Marx (der witzigerweise in Bonn und Berlin studierte). EHO