Von Karl-Heinz Wocker

Ein Theaterstück, das jeder kennt, enthält den Vorwurf, ein englischer König habe nacheinander neun Verwandte und Freunde ermordet. Das Stück wird in England überall gespielt mit der Begründung, die Morde seien schließlich nachgewiesen.

Ein anderes Theaterstück, das jetzt gerade erst bekannt wird, enthält den Vorwurf, ein imerikanischer Präsident habe am Tode seines Vorgängers mitgewirkt. Es wird in England gespielt mit der Begründung, die Tat sei zwar nicht nachgewiesen, aber es handele sich um eine Satire.

Ein drittes Stück schließlich, das noch niemand kennt, enthält den Vorwurf, ein englischer Politiker habe am Tod eines polnischen Generals mitgewirkt. Dieses Stück soll nicht gespielt werden. Begründung: die Tat sei nicht nachgewiesen.

Weder gehören William Shakespeare, Barbara Garson und Rolf Hochhuth in die gleiche literarische Kategorie, noch deren „Richard III.“, „Macbird“ und die „Soldaten“. Was die letzteren in England zu einem Fall macht, ist weniger die Frage, ob Winston Churchill beim Absturz der Maschine des polnischen Exil-Generals Sikorski im Jahre 1943 seine Hand im Spiel hatte (wie Hochhuth behauptet) oder nicht; dies ist nur das auslösende Moment. Vielmehr geht es darum, wer in Englands National Theatre bestimmt, was gespielt wird: der künstlerische Leiter Sir Laurence Olivier, oder der Aufsichtsrat unter dem Vorsitz von Lord Chandos.

Das Theater verdankt jenem seinen Ruf, diesem das Geld, 240 000 Pfund im Jahr, also 2,7 Millionen Mark. Leben könnte es ohne beide nicht. Das gibt beiden Anspruch auf Mitbestimmung.

Bisher glaubte man, Verträge hätten die Kompetenzen abgegrenzt. Nun, nach der Ablehnung der „Soldaten“ durch den Aufsichtsrat, bekannte Sir Laurence, ihm sei seine Position „in einer Weise erläutert worden, die mir nicht gefällt“. Es ging hart am Rand von Demissionen vorbei.